„Karnevalshochburg“

Eines vorweg: Von Karneval habe ich wenig bis keine Ahnung. In den letzten Tagen habe ich die Bedeutung des Wortes erläutert bekommen („carne vale“ = „lebe wohl, Fleisch“, Beginn der Fastenzeit) und außerdem die Konsequenzen gespürt: In meiner „Wahlheimat“ Aachen drehen alle am Rad und man hält sich hier für eine Karnevalshochburg. Wir sind ja schließlich im Rheinland.
Dieses Jahr begab es sich zum ersten Mal, dass ich Rosenmontag tatsächlich auch mal hier residieren sollte. Eine tiefgreifende Erfahrung, insbesondere weil meine Freundin direkt am Startpunkt des Umzugs wohnt und es sich beinahe nicht vermieden ließ, sich morgens von plärrenden Boxen und unlustigen Jecken die „Alaaf!“ schreien, wecken zu lassen. Wie gesagt, ich hätte es vermeiden können. Ich wollte mir allerdings einmal ansehen, was hier so auf die Beine gestellt wird.
Als Kind war ich vielleicht 5 Mal beim Rosenmontagszug in Münster. Gab Süßigkeiten umsonst. Das war super. Das „Helau!“ rufen ging mir damals schon auf den Keks. Damals waren für mich dementsprechend immer die großen Wagen am wichtigsten, die am meisten Süßigkeiten in die Menge warfen. Alles andere war doof. Besonders die Niederländer aus dem Grenzörtchen Losser gingen mir auf den Keks, weil die zwar bunte Wagen hatten, aber nie Süßes schmissen. Und die Technomusik passte mir nicht so gut. Aber gut drauf waren die Leute. Soweit ich das als Kind beurteilen konnte. Schon damals fiel mir auf, dass fast alle Wagen Bezug auf irgendwelche politischen Ereignisse hatten. Einige lokale Themen wurden aufgegriffen (meist dargestellt durch eine gigantische Karikatur des amtierenden Bürgermeisters) und globale Themen fanden sich auch wieder. Als Außenstehender und selbst als Karnevalsverweigerer wie ich muss man anerkennen, dass in diese Wagen viel Zeit und Arbeit investiert wurde. Jahr für Jahr.
Jetzt zurück nach Aachen. Wenn eine Stadt sich „Karnevalshochburg“ schimpft darf man wohl zurecht gespannt sein auf die Anspielungen und Sticheleien in Richtung der Politik, wie sie für mich immer zum Rosenmontagszug gehörten. Selbst wenn ich als Kind die Zusammenhänge nur selten verstand.
Doch was musste ich erleben? Nix. Aachner Karneval besteht zu 99% aus reiner Selbstdarstellung. Die großen Karnevalsvereine fahren mit mehreren nichtsaussagenden Wagen, die lediglich ihre Vereinsfarben repräsentieren. Einige Wagen sahen sogar aus, als wäre seit 30 Jahren nichts mehr daran gemacht worden. Wo bleibt denn hier bitte der „Spaß“ am alljährlichen Umzug wenn man jedes Jahr die gleichen Wagen ohne Aussagen vorgesetzt bekommt? „Juhu, da kommt die Stadtgarde… yeah, die Börjerwehr… wie immer.“
Das klitzekleine bisschen, was ich in meiner Heimat am Rosenmontagszug noch respektabel fand, findet sich hier einfach gar nicht. In meinen Augen ist der ganze Zug hier nur Selbstbeweihräucherung und Selbstdarstellung. Nicht mehr und nicht weniger.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle ein nicht unverdientes Lob an die Karnevalsvereine in und um Münster (mitten im Herzen des mürrischen, spaßbefreiten Westfalens) aussprechen, die Jahr für Jahr wenigstens noch richtig Arbeit leisten, um einen abwechslungsreichen Zug zu gestalten.
Zur Klarstellung: Ich werde Karneval weiter boykottieren. Diese Fröhlichkeit auf Knopfdruck (vom 11.11. um 11:11:11h bis zum Aschermittwoch) kann ich einfach nicht nachvollziehen und finde ich in gewissem Maße sogar sehr befremdlich. Ich brauche keine Termine oder Vereine um Spaß zu haben, das klappt nämlich auch so ganz gut bei mir. Und wenn ich sehe, was für eine Farce der Karneval in einer selbsternannten Karnevalshochburg wie Aachen ist (vgl. lokale Presse vor Rosenmontag; Zickenkrieg im AKV), sehe ich mich in meinen Vorurteilen bestätigt, dass die Verantwortlichen dieser „Events“ sobald die Narrenkappe fällt und die Öffentlichkeit nicht hinguckt einfach humor- und spaßbefreite Menschen sind.
Das war mein Senf zu der Angelegenheit. Wenn sich jetzt Karnevalsfreunde angegriffen fühlen: Spielt nicht die beleidigte Leberwurst, ich lass euch euren Spaß ja. Lasst mich damit nur einfach in Ruhe. Danke.

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Eine Antwort to “„Karnevalshochburg“”

  1. Selena Says:

    Danke für den fantastischen Post. Ich war letzte Woche bereits mal auf dem Blog hier. Mal sehen, eventuell lockt mich die große Suchmaschine ja noch mal hier her.

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