Klaus seine Nummer und der Wahn im Speziellen

Das Abitur wurde schon vor Jahren von zertifizierten Experten offiziell zum „inflationären Bildungspapierchen“ degradiert – diesem Umstand ist es wohl zu schulden, dass es ein scheues kleines Tierchen in den letzten Tagen ans grelle Licht der Medien gezerrt oder unbequem auf den Rücken von Säuen gebunden durch Dörfer getrieben wird: Das Numerus Clausus aus der Familie der Indices lebt bevorzugt im ruhigen und dunklen Klimat von ZVS-Listen, Zulassungsalgorithmen oder in Katastern der Universitätsdekanate. Seine friedliche Existenz gibt der kleine Index nur auf, wenn er vom gierigen Medizinstudenten in die Ecke getrieben und zur klaren Aussage aufgefordert wird. Dann kann das possierliche Vieh eine enorme Kampfkraft und ein beachtliches destruktives Potential entwickeln. Die verschreckenden Nachwirkungen brennen in den kollektiven Wunden des germanischen Volkes und so beschloss die Bundesregierung just, dieses Tier auszurotten, auf dass es keine Gefahr mehr für die Bevölkerung darstelle. Aber nicht irgendeine Bundesregierung stellte diese Forderung, nein, es musste gerade die FDP sein.

Dass Klaus Nummer kein fieses Okkultarium der Universitäten ist, die im eifernden Neid Studenten diffamieren wollen, wird dabei offenbar großmütig übersehen. Es scheint der Glaube in der Tiefe der zugegebenermaßen recht seicht geratenen Berichterstattung zu liegen, dass das Dekanat jeder Universität jährlich eine große Würfelparty veranstaltet, um die Stelle nach der 1 zu ermitteln, um den Zugang zum Medizinstudium zu regeln. Wenn die Studenten eben Pech haben, dann bekommt eben keiner einen Platz. (Harrharr!) Dass es sich um einen Index handelt, der nur die Zahl der verfügbaren Studienplätze fassbar macht, das scheint nur den Weisesten unter den Weisen aufzugehen. Fassbar nämlich für das von unserer Gesellschaft designierte Auswahlverfahren – das Abitur. Womit wir den Bezug zum Anfang wieder hergestellt und den Grundstein für eine erfreulich schlüssige „ja-aber“-Argumentation gelegt haben. Denn eigentlich ist das Abitur korrumpiert, wert- und aussagelos. Und sollte die Intention von meinem Gesundheitsminister (der m.E. im Gegensatz zu meinem Bildungsminister eigentlich gar nicht für diese Frage zuständig sein dürfte) dahin gehend liegen, dass er nicht ungesehen jeden Deppen zulassen und dann in den ersten Semestern wieder sieben, sondern die Selektionskompetenz mehr dem Auswahlgespräch der Universitäten zueignen will, so ist auch das prinzipiell erfreulich. Aber.

Das Argument für das ganze Vorhaben ist ein anderes: Angeblich könnten viele vakante Ärztestellen nicht besetzt werden. Wie jetzt die Menge der Studienplätze, die die Universitäten mit den zur Verfügung stehenden Mitteln auch mit viel gutem Willen zur Verfügung stellen können, von der Natur des Auswahlverfahren abhängt – ich habe meinen Schamanen angerufen, meinen magischen Eightball geschüttelt (‚ja‘, ’nein‘, ‚ask again later‘, ‚have sex with your wife‘ – ich versuchte, gebildet wie ich bin, n zu erhöhen…) und sogar meine geheime Spezialität, das Lesen im Bodensatz des nahesten Lehrerkollegiums, bemüht – ich konnte es nicht verstehen. Dass mir an jeder Ecke meines Alltags zig und aberzig Systemfehler begegnen, die einfach zu beheben wären und uns tatsächlich der Lösung des Problems näher bringen würden, ist umso schmerzhafter.

Wir erinnern uns: Neben den tatsächlich notwendigen Fächern (Anatomie, Physiologie, Pathologie) wird dem wohlgelaunten Aspiranten ein Berg von Schwachsinnigkeiten sowohl in Form als auch in Farbe in den Weg gestellt. Denn neben der Vorbereitung auf den Beruf, also der Lehre, besteht eine Hauptaufgabe jedes Studiums darin, eine Zugangsbeschränkung zu privilegierten Berufen, ein De-Sade’scher Widerstand auf Basis von Schmerz, zu sein. Zuerst nur in anderen Studiengängen von nöten, wurde es mehr und mehr auch in der Medizin dringlich, die Flut von ungeeigneten Abiturienten, die gerne reich und mächtig wären, vom Beruf fern zu halten. Dieser Widerstand, oh Wunder!, kann problemlos wieder gesenkt werden, so denn nötig.

Das Physikum zum Beispiel ist ein Anachronismus, denn jeder der Scheine, die man zur Teilnahme vorweisen muss, wird bereits durch eine Klausur erworben. Die Justifikation für diese Doppelprüfung steht aus. Die Organisation an einigen Universitäten (also die schwierigen zwei Aufgaben, einen Dozenten in einen Raum zu stellen und mir dann zu sagen, wo und wann) ist teilweise einfach mieserabel – ein Problem, das sich mit ein paar wohlplatzierten Kinnhaken einfach aus der Welt schaffen ließe. Man lässt Psychologen und anderes Gesindel Stunden um Stunden unserer Lebenszeit stehlen, weil man der Meinung ist, dies würde die Arzt-Patienten-Beziehung verbessern. Zwar wohlgemeint, krankt dies an zweierlei grundsätzlichen Problemen: 1. Arschloch bleibt Arschloch, das ändert kein Psychokurs. Es werden durch Psychologengebabbel keine empathischen Menschen neu gezeugt. 2. Alle dort gelehrten Theorien sind genau das: Theorien. Alle sind hinterfragbar und alle sind relativ. Letzterer Punkt bekommt eine besondere Emphasis beim Fach „Ethik“, das man definitionsgemäß nicht lehren kann: Ethik ist das Korrelat aller persönlichen Werte und somit ein aus individueller Philosophie entspringender Kanon. Um es deutlich zu sagen: Eine Überzeugung. Die schiere Annahme „Ich bin Utilitarist“ lässt das gesamte Lehrkonstrukt wie ein Kartenhaus auf Crack in sich zusammenbrechen. Ebenfalls sehr sinnig ist das Modularkonzept des klinischen Studienabschnittes in Göttingen, das mir erst vor wenigen Minuten „erklärt“ wurde: Es versucht, den Medizinerstudiengang näher an das Bachelor/Master-System heranzuführen (das, nebenbei bemerkt, auch noch nach einer wortgewaltigen, vom „Ritt der Walküren“ und einem kleinen Bürgeraufstand respektive Putsch untermalten Beleidigungsschrift schreit), das erklärtermaßen überhaupt nichts mit dem Medizinstudium zu tun hat und haben soll. Damit sind auch alle Vorteile genannt, als Nachteile wären Undurchschaubarkeit zu nennen, schwere strukturelle und organisatorische Probleme und, am schwerwiegendsten, die quasi-Unmöglichkeit, im laufenden Studium an eine andere Universität zu wechseln. Ich will nicht langweilen, das waren nur ein paar wenige Punkte von vielen, eben das, was mir gerade eingefallen ist.

Neben dem Studium stehen noch etliche andere Problemfelder zur freien Auswahl: Auch der Widerstand der Facharztausbildung ist hoch. Nur um mich selbst vor Hass aus Missverständnis zu schützen, repetiere ich: Es geht mir nicht um die fachliche Abwertung der Ausbildung. Aber wenn man erfährt, dass Assistenzärzte in einer Universität, die ich ungenannt lassen muss, 100-Stunden-Wochen schieben und dann noch Forschung in der Freizeit für das geforderte Minimum von zwei Papern im Jahr treiben müssen, so könnte das doch einer dieser mystischen Gründe sein, warum der Beruf nicht allzu attraktiv ist. Dass hier direkt mehrere Kontrollsysteme versagt haben und fortgehend versagen, dass die Arbeitsverträge, die genau dies verhindern sollten, nur dazu taugen, dass diese Überstunden noch weniger als zuvor bezahlt werden, da sie ja offiziell nun gar nicht mehr existieren dürfen, dass bei derartigen Arbeitsbedingungen der Burnout keine Frage des Ob mehr bleibt, dass dies auch einer der heiß gesuchten Gründe sein könnte, warum Akademiker einfach nicht mehr so recht Lust auf Familiengründung bekommen wollen, all das wird von der Regierung seit Jahren übersehen – Experten mutmaßen, es passiere „zu unserer aller Besten“. Die Wahrheit ist, dass nicht zu wenige Mediziner das Studium verlassen, sie wandern nur in Kohorten ins Ausland ab, wo sowohl soziale Anerkennung, als auch Bezahlung und Arbeitsbedingungen noch halbwegs stimmen. Und als würde das alles noch nicht reichen, wird jetzt von einer ganz besonderen Ausfertigung von Fachleuten auch noch mit dem s.g. „Arztassistenten“ innere Konkurrenz eingeführt, von denen niemand sagen kann, was sie überhaupt tun sollen, außer den Ärzten massiv auf Kosten der Patienten die Arbeit wegzunehmen – die offiziell vorgesehenen Aufgabengebiete sagen dies und nichts anderes, vor allem Untersuchung und Diagnostik sind die Kerngebiete der ärztliche Tätigkeit und genau jener Punkt, an dem die elendige Ausbildung des Arztes gebraucht wird, damit man sie kompetent ausführen kann (auch so ein Thema, was geradezu um einen kollektiven Schreikrampf bettelt). Aber dass diese initial angesprochenen Vakanzen, zumeist der landärztliche Dienst in kulturell nicht immer stimulierenden Gegenden, möglicherweise auch einfach nicht besetzt werden, weil die Bezahlung zu mies ist, auch das sollte ich doch mal zumindest vorgeschlagen haben.

Nicht dass am Ende einfach keiner drauf gekommen ist.

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