Quo vadis, Dipl.-Ing.?

Der Diplom-Ingenieur stirbt aus. Dank der Bologna-Reform und der damit verbundenen Modularisierung quasi sämtlicher Studiengänge geht der akademische Grad des Dipl.-Ing. in Deutschland peu a peu flöten. Im Folgenden versuche ich hier eine Zusammenfassung der aktuellen Sachlage, als auch meine eigene Meinung zu damit verbundenen Problematiken darzulegen. Das Thema ist dermaßen vielseitig, dass mir eine vernünftige Textstruktur alsbald abhanden kommen wird. Das bitte ich jetzt schon zu entschuldigen.

Wie ist der Status Quo?
Zur Vereinfachung der Darstellung beziehe ich mich nun auf Studiengänge des Bauingenieurwesens (welchem ich auch fröne). Wie bereits im ersten Absatz angedeutet, geht der Dipl.-Ing. so langsam über die Wupper. Echte Diplomstudiengänge werden – mit Ausnahmen – nicht mehr angeboten; in Deutschland sind die Abschlüsse Bachelor und Master in die Fußstapfen des Dipl.-Ing. getreten. Diese Umstellung bringt allerdings einen ganzen Rotz voller Probleme mit sich. Von Bologna wurde eine Vereinfachung und vor allem eine Vereinheitlichung der Studienabschlüsse gefordert. Statt Dipl.-Ing. und Dipl.-Ing. (FH) tummeln sich demnächst B.Sc., M.Sc., B.Eng., M.Eng. (Die Abkürzungen stehen für Science und Engineering) und -wie zu befürchten steht- auch noch Bachelor und Master of Arts. Dazu kommen noch die Ausnahmen. Sachsen darf als einziges Bundesland noch den akademischen Grad des Dipl.-Ing. verleihen, was z.B. in Dresden auch noch so üblich ist. Potsdam (bekanntermaßen nicht in Sachsen) versucht wie man so hört auch einfach noch den Dipl.-Ing. zu verleihen. Dürfen sie nicht, aber mal schauen was passiert.

Welche Lösungsansätze gibt es?
Viele. Jeder hat eine Meinung; nicht jeder hat Ahnung.
– Die TU9, ihreszeichens ein Zusammenschluss altehrwürdiger technischer Hochschulen, bzw. der amtierende Präsident der TU9, Ernst Schmachtenberg (Rektor der RWTH Aachen) wollen ihre Master-Absolventen wieder Dipl.-Ing. nennen dürfen.
– Der Baden-Württembergische Kultusminister Frankenberg plädiert dafür, jeden Absolventen Dipl.-Ing. nennen zu dürfen und diesen Grad
dann mit einem Zusatz (B.Sc., M.Eng., etc…) zu versehen. Dieses Modell schlug VDI-Präsident (Verband Deutscher Ingnieure) Bruno Braun auch bereits vor.
– Das Österreichische Modell
– Es werden wieder echte Diplom-Studiengänge eingeführt.
– Das Diplom verschwindet.

Die Modelle im Einzelnen / Mein Senf:
Das Modell der TU9
Zuerst war ich ein großer Fan der Äußerungen des Ernst Schmachtenberg. Als Versuchskaninchen (erster Bachelorjahrgang in meinem Studiengang) wurden wir, was den Abschluss und unsere Perspektiven angeht, ziemlich ins kalte Wasser geworfen. Was ist unser Abschluss wert? Wie wird die Wirtschaft auf uns als Absolventen reagieren? Werden Diplomer bevorzugt? Wissen sie um die Qualitäten von Master-Studenten? Dann kam der Vorschlag der TU9 und es hieß: „Ihr könnt euch wieder Dipl.-Ing. nennen“. „Toll!“ Denke ich mir da. Damit kann man was anfangen, das ist bekannt. Als ich mich am vergangenen Wochenende mit dieser Thematik erstmals tiefer befasste wurde mir aber schnell bewusst, dass das alles ziemlicher Käse ist. Es hakt gleich an mehreren Stellen. Erstens: Warum sollten wir uns Diplom-Ingenieure nennen dürfen wenn wir definitiv keinen Diplomgrad erwerben? Zweitens: Warum dürfen sich andere Uni-Absolventen nicht Dipl-Ings nennen? Wenn sie es dürfen, drittens: Was ist mit den Fachhochschulabsolventen? Das Bachelor-Master System entspricht dem Dipl.-Ing. (FH) in keinster Weise. Hier ist der berufsqualifizierende Abschluss der Bachelor. Nennen diese sich dann Dipl.-Ing. und wenn ja, was ist dann mit Masterabsolventen der FH? Sollte das Modell der TU9 Anklang in der Gesellschaft/Wirtschaft/Politik finden, prophezeihe ich einen herben Grabenkampf zwischen Universitäten und Fachhochschulen.

Das Frankenberg-Modell
Wie ein netter Kompromiss klingt das von dem Herrn Frankenberg (mir fällt gerade der Vorname nicht ein) bzw. Bruno Braun vorgeschlagene Konstrukt, dass wir einfach jeden Absolventen Dipl.-Ing. nennen und den Grad dann mit einem Zusatz á la Dipl.-Ing. (B.Sc.) oder Dipl.-Ing. (M.Eng.) versehen. Auf den ersten Blick sieht das wie die Lösung des Problems aus. Hier tun sich allerdings zwei weitere Probleme auf. Das erste Problem besteht darin, dass in Deutschland der akademische Grad des Dipl.-Ing. eben nicht mehr verliehen werden darf. Hier müssten die Gesetze also etwas verbogen werden. Ebenso in Hinsicht darauf, dass ein Abschluss nicht zu zwei Graden führen darf. Das sind sicherlich Hürden, die überwindbar sind. Viel schlimmer wiegt die Gefahr der Abwertung des bestehenden Dipl.-Ings. Plötzlich dürften sich FH-Absolventen nach 6 Semestern so nennen, wie es Diplom-Absolventen nach >10 Semestern erst durften. Natürlich gibt es dafür den Namenszusatz am Grad, jedoch kann damit halt nicht jeder etwas anfangen.

Das Österreichische Modell
Die Österreicher verleihen 2 Grade gleichzeitig (Master und Diplom), von welchen man allerdings immer nur einen zu einer Zeit tragen darf. Anschauliches Beispiel: Auf der Visitenkarte steht vorne M.Sc. Nullnull Schneider und hinten Dipl.-Ing. Nullnull Schneider. Auf keinen Fall dürfte er sich Dipl.-Ing. M.Sc. Nullnull Schneider nennen. Hier haben wir wieder unter anderem das Problem der deutschen Gesetzgebung: 2 Grade dürfen nicht gleichzeitig vergeben werden. Außerdem spielt das deutsche Phänomen der Fachhochschulen hier wieder schlecht in die Karten. Wenn der berufsqualifizierende Abschluss der Bachelor ist, nennen wir diese dann schon Dipl.-Ing (FH)? Und wie nennen sich dann die Master-Absolventen? Problematisch.

Es werden wieder Diplom-Studiengänge eingeführt
Heh. „Echte“ Diplom-Studiengänge darf es nicht mehr geben, da eben eine Modularisierung der Studiengänge gefordert ist. Niemand hat Deutschland dazu gezwungen die Abschlüsse Bachelor und Master zu nennen, aber was wäre denn die Alternative gewesen? Bologna fordert nun mal ein zweizügiges (6+4 Semester oder 7+3 Semester) Studiensystem und dementsprechend brauchts 2 verschiedene Abschlüsse. Sollte man den Bachelor dann Junior-Diplom nennen? Und hier ist natürlich auch wieder das Problem der FH-Absolventen gegeben. Und, dass wir in Deutschland keine Dipl-Ings. mehr ernennen dürfen. Problematisch.

Mein Fazit – Das Diplom verschwindet („Das Diplom ist tot, es lebe der Ingenieur!“)
Nach kurzer Recherche stellten wir am Wochenende fest, dass jeder Absolvent eines mindestens sechssemestrigen ingenieurwissenschaftlichen Studienganges die Bezeichnung Ingenieur im Namen führen darf. Daraufhin klärten wir („wir“ ist übrigens ein Arbeitskreis auf der Bauingenieurfachschaftenkonferenz gewesen) die Begrifflichkeiten des Dipl.-Ing. und kamen zu dem Schluss, dass diese Bezeichnung an und für sich schon reichlich konfus ist. Eigentlich wird einem Diplomabsolventen lediglich der Diplom-Grad verliehen, der Ingenieur kommt nur gewohnheitshalber dran, denn der Ingenieur ist eben kein akademischer Grad (auch Handwerker können Ingenieure werden!) sondern lediglich eine Berufsbezeichnung. Unter diesem Gesichtspunkt erschien es uns reichlich blödsinnig, uns wieder Diplom-Ingenieure nennen zu dürfen. Einerseits, weil wir uns ohnehin Ingenieure werden nennen dürfen, andererseits, weil wir den akademischen Grad des Diploms eben nicht gleichermaßen verdient hätten. Wenn man sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt hat, fragt man sich ohnehin, warum jeder so unglaublich scharf darauf ist, sich wieder Dipl.-Ing. nennen zu dürfen? Natürlich ist das eine bekannte Marke und auch international ist er was wert. Aber letztendlich handelt es sich auch nur um ein anderes Etikett für das gleiche Produkt. Deutsche Hochschulabsolventen verlieren nicht an Wert für internationale Arbeitgeber nur weil sie sich nicht mehr Dipl.-Ing. nennen können. Vielmehr gewinnt das Bachelor-Master-System in Deutschland durch ständige Reakkreditierungen (vereinfacht kann man sich das wie den TÜV beim Auto vorstellen) an Qualität, da die Studiengänge ständig auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft gehalten werden.
Daher ist mein und unser (Studenten von Universitäten und Fachhochschulen, Bachelor-, Master-, als auch Diplomstudenten) Standpunkt, dass wir auf das „Dipl.“ verzichten können. Wer möchte kann sich später immer noch „Ingenieur“ an den Namen klatschen. Vielmehr sollten diese Diskussionen begraben werden und der Wert der aktuellen Abschlüsse in den Vordergrund geschoben werden. Was nützt uns eine Diskussion um einen toten Abschluss wenn niemand weiß, was die jetzigen Abschlüsse wert sind?
Meine Meinung: „Das Diplom ist tot! Es lebe der Ingenieur!“

Dieser Artikel spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung (in Teilen auch die des AK „Wiedereinführung des Dipl.-Ing.“ der 76. BauFaK Dresden) dar.

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4 Antworten to “Quo vadis, Dipl.-Ing.?”

  1. […] Look Alive Contest Wunderbare Einsichten « Quo vadis, Dipl.-Ing.? […]

  2. Tja, in Sachsen gibt es allein an der TU-Dresden schon 16 Diplomstudiengänge!

    Und auch in Mecklenburg-Vorpommern wird das Diplom wieder eigeführt!

    Der Landtag dort hat es per Gesetz im Dez. 2010 beschlossen: ab WS 2011 gibt es wieder Diplomstudiengänge!

    Masterabsolventen können dann auch ihren Titel, gegen den des Diplom-Ingenieurs eintauschen.
    Und sogar Bachelorstudenten, die es schaffen 240 ECTS Credits zu sammeln, können eine Diplomabschlussarbeit anmelden!

  3. Martina Says:

    In Sachsen wurde sogar für das Lehramtsstudium inzwischen wieder das Staatsexamen eingeführt!

    Da hat man wohl erkannt, das der Bachelor keine ordentlichen LehrerInnen hervorbringen kann.

  4. Anton Says:

    Ich behaupte mal, auf die Anzahl der Semester kommt es nicht an!
    Der Diplom-Ingenieur muß z.B. in Mecklenburg mind. 240 ECTS Credits erreichen, um zur Diplomarbeit zugelassen zu werden!
    Wobei eine Diplomarbeit mind. 60 Seiten umfasst, gegenü. einer Bachelorarbeit mit nur 30 Seiten das Doppelte!

    Der alte Dipl.-Ing. hat es in seinem Studium dafür auch auf nur 210 Credits gebracht…

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