Risen 2 Review – oder: Drei Herren im Wald

Wer guten Geschmack, erhabenen Intellekt und atemberaubende Schönheit in sich vereint, hat eine Vorbildfunktion, ob er will oder nicht. Glücklicherweise sind mir alle diese lästigen Eigenschaften erspart geblieben, sodass ich, die verbindliche Obligation, im Zweifel wenigstens eine schreckliche Warnung zu sein, ernst nehmend, bequem von der Seite ungehemmt über alles und jeden nörgeln kann. Nun ist es ja ein wohlbekannter und indiskutabeler Fakt, dass Gothic 1 und 2 die besten Computerspiele aller Zeiten sind. Und es würde doch mit dem Beelzebub zugehen, wenn diese Einleitung nicht darauf hinleiten würde, dass ich jetzt anfange, über das neuste Opus Magnum der Exilbochumer Gothic-Macher Piranha Bytes zu nörgeln. Risen 2, nämlich. Release: Gerade eben.

Da Piranha Bytes bei seiner Trennung vom Publisher JoWood 2007 die Rechte an seiner eigenen Serie Gothic verloren hat – was ganz nebenbei den beiden katastrophalen Trotteleien „Götterdämmerung“ und „Arcania“ den Weg geebnet hat -, mussten sie sich etwas neues ausdenken. Das Ergebnis war das 2009 erschienene Risen. Dankbarerweise haben die Jungs aber nur die alten Qualitäten in neue Gewänder geworfen und die Qualitäten, die die Menschen an Gothic fasziniert haben, nicht bahnbrechend verändert. Heißt es zumindest. Gerade dieser Behauptung wollen wir im Folgenden einmal auf den Zahn fühlen. Aber halt: Meine Deutschlehrerin muss sowie schon des nachts ob meines katastrophalen Stils Tränen vergießen; wir wollen sie nicht noch trauriger machen, deshalb schmeiße ich jetzt erst mal ne Runde Einleitungen.

Risen 2 springt mutig in ein neues Szenario: Wo alle seine Vorgänger im mitteralterlichen Setting spielten, begibt sich dieses Spiel in die Welt der Piraten. Es gibt Südsee statt Minental, Wettermäntel statt Rüstungen, Musketen an Stelle von Bögen und – Herz werd warm! – keine Heiltränke mehr, sondern Rum. Den Stein des Anstoßes, so erklärt das Spiel, habe die Erfindung der Feuerwaffe geliefert, danach wurde Schnaps automatisch lecker und gesund und überall flogen plötzlich Papageien herum. Sei’s drum. Trotz Palmen und fässerweise Fitnessbrand ist aber eben alles nicht eitel Sonnenschein. Um genau zu sein liegt die Welt schon in Trümmern, als wir in die Haut des heruntergekommenen – immer noch namenlosen – Helden schlüpfen. Endlich mal werden wir mal nicht an irgend einer Küste angespült und vermissen danach Gedächtnis wie Körperkraft. Das alte Abenteuer ist mitnichten vergessen und wir duften auch kein bisschen nach Meister Proper Bergfrühling. Vielmehr ist der Held von den Ereignissen des ersten Spiels tief gezeichnet, er hat sein Auge durch das dubiose Okkular des Inquisitors verloren und ist der Sauferei verfallen, um seine dunkelen Gedanken zu vertreiben. Monatelang als aufgabenloser Ehrenoffizier in einer Hafengarnison herumzuhocken, die vom Chaos umschlossen ist und daher nicht verlassen werden kann, von morgens bis abends besoffen – da ist es absolut glaubwürdig, dass man etwas abbaut, aber auch, dass die Fähigkeiten recht flott zurück kommen. Dass man innerhalb weniger Tage ein meisterhafter Säbelfechter, gewiefter Dieb und charismatischer Charmeur wird und nebenbei hinterm Rücken mit der Muskete dem Tell-Filius gleich drei Äpfel von der oberen Schwungmasse schießen könnte, wird so immerhin etwas nachvollziehbar. Die Restunsicherheit rationalisieren wir mit dem Wort „Held“ weg. Oder „Weltenlenker“, wie es die Vodootante Emma im Piratennest Antigua nennt.

Zurück zur Story: Das ganze Land wird von den so genannten Titanenlords in Schutt und Asche gelegt. Es gibt noch eine letzte Bastion auf dem Festland und ein paar Inseln und das ist es. Ein besonderes Hühnchen haben wir mit der Meerhexe Mara zu rupfen, deren Kraken Seereisen zu einer etwas unangenehmen Geschichte macht. Für die Menschen uncool, da sie eigentlich ganz gerne mal flüchten würden, für einen Piraten auch mehr weniger geil, weil Piraten und Kraken einfach von sich aus ihre gottgegebene Animosität fühlen. Langeweile alleine wäre für uns schon Grund genug, dem Drecksvieh volles Pfund aufs Maul hauen zu wollen, aber der Gang der Ereignisse wird uns noch die ein oder andere Motivation in den Schoß werfen…

Story ist ein gutes Wort, um uns zum Hauptteil dieses Artikels bezufördern, nämlich der Kritik. Man kann nicht sagen, dass Piranha Bytes je packende Geschichten dramatisch erzählt hätte. Meistens war die Handlung der Spiele in ein paar Worten zusammenfassbar und recht straight forward. Bei der Handlung legt Risen 2 auf jeden Fall einen guten Tacken zu. Es geht in die richtige Richtung, es gibt ein paar schöne Cut-Scenes, einige schicke Wendungen und Entdeckungen, einige tolle Ideen und man hat stets das Gefühl, dass man jetzt besser die Segel hisst und irgendwas zusammen tritt, weil die Welt dann doch auch sonst untergeht. Ich hätte mich über noch mehr davon durchaus gefreut, die Zwischensequenzen hätten häufiger passieren dürfen, man hätte sie gut rendern können und  länger hätten sie auch ausfallen dürfen. Genug Möglichkeiten dafür hätte es absolut gegeben. Die sonstigen Quests sind oft genug von normaler töte-dies-und-bring-mir-jenes-Art, was aber nicht stört, da sie liebevoll designt sind und die Dialoge einfach exzellent geschrieben sind. Der rauhbeinige Charme der Vorgänger ist auch hier wieder mit von der Partie.

Ich komme an dieser Stelle allerdings auch zu einem der größten Kritikpunkte überhaupt: Charaktere und Spiel sind ziemlich blass. Außer einem selbst und der Handvoll, die sich später in unserer Crew findet, gibt es kaum erinnerungswürdige Figuren. Dabei konnten die Piranhas gerade das immer besonders gut: Lustige, wahnsinnige, schrullige, erninnerungswürdige, kurz: Einmalige Typen bevölkerten traditionell die Gothic-Spiele an jeder Ecke. Es gab überall Anekdoten zu erleben, die sich aus dem alltäglichen Irrsinn und den lustigen Leuten ergaben. Alleine deshalb wollte man bei allen Leuten alle Gesprächsoptionen anklicken, immer auf der Suche nach einem Witz, einer Nebenquest, einer Geschichte, einem Hinweis… Es kommt einem etwas so vor, als wollte das Spiel erwachsen werden, in Wirklichkeit verliert es leider viel von seinem Charme. Das Writing der reinen Sprache, der sich die Charaktere bedienen, ist zwar auf dem alten Niveau, aber es fehlt zu oft der Witz und die Originalität. Die Welt teilt dieses Schicksal: Alles ist zwar nach wie vor mit aufopferungsvoller Liebe von Hand gebaut – und das gehört in höchsten Tönen gelobt, das ist eine der großartigen Dinge, die die Piranhas ehrt! -, aber es gibt nicht mehr so viel zu entdecken. Ich habe glaube ich kein einziges Easteregg gefunden, und das, obwohl ich das Spiel wirklich sehr vollständig gespielt habe. Auch besondere Items findet man wenig – und das, obwohl es legendäre Items gibt! Oft genug muss man diese aber bei einem Händler kaufen, was die dümmste Lösung für sowas überhaupt ist. Ich will Hinweise finden und dadurch das ganze dann entdecken, über Dächer springen, einbrechen oder in gewitzten Dialogen den Leuten das gewünschte Stück abluchsen. Oder Quests. Aber doch nicht irgendeinem Hafenheini 2000 Goldstücke an den Kopf werfen, um dann ein legendäres Stück Piratengeschichte zu besitzen. Da wäre wesentlich mehr drin gewesen. Auch wäre es schön, wenn man sich mit den Leuten über die legendären Gegenstände mal unterhalten könnte. Mehr als ein zwei Sätze in herumliegenden Büchern gibt es aber zu fast keinem Item.

Eine Sache, die mich schon bei Risen 1 gestört hat, ist die Menge der Figuren. Wenn man in Gothic 1 durchs Sumpflager gelaufen ist, musste man sich erst mal orientieren. Das ganze war verwinkelt gebaut, überall standen Leute herum, und seien sie auch namenlos und egal. Es gab feste Tagesabläufe für jeden Einzelnen und alles war voller Leben. Nicht nur, dass die Tagesabläufe der Leute radikal zusammengestrichen worden sind – mehr als schlafen und arbeiten tut kaum einer -, es ist einfach völlig unglaubwürdig, dass fünf Leute im Wald eine der Fraktionen und irgendwie für irgendwen bedrohlich sind. Bildlich gesprochen brauchen sich nur zwei der Eingeborenen mal ein Ei klemmen und der ganze Stamm stirbt aus. Es kommt mir so vor, als seien auf den ganzen Inseln insgesamt weniger Leute, als man in Gothic 1 alleine in der neuen Mine gefunden hat. Und das ist einfach quatsch so. Nicht nur sind die Charaktere also gesichtslos, es sind auch kaum welche da. Das kostet gewaltig Glaubwürdigkeit. In Städte gehört Leben und die gefürchteten Eingeborenen sind nicht drei Herren im Wald. So.

Rückschrittig ist auch das Kampfsystem. Das war in Risen 1 noch besser, den neuen „Dirty Tricks“ zum Trotz. Gegen Menschen funktioniert’s halbwegs – auch wenn man schnell raus hat, wan man zuschlagen kann und wann man blocken muss, um jeden Kampf zu gewinnen -, aber gegen Tiere ist es einfach nur stumpfes Geklicke, weil man nicht ausweichen kann. Gerade wenn man vom Witcher 2 verwöhnt ist, hätte man doch gerne ein richtiges Kampfsystem. Es ist doch keine Schande, sowas einfach ein richtig gutes System zu kopieren. Apropos Witcher: Wo der Hexer Gerald der ein oder anderen Dame seine Liebesdienste angedeihen lassen kann, sieht es für den coolen Piraten in Risen ziemlich mies aus. Wo man in Gothic 2 im Hafenbordell gegen Bares noch ein züchtiges Renderfilmchen bekam, steht uns diese Option nicht einmal offen. Auch wenn wir einen riesigen Erdschieber Gold mit uns herum schleppen, ist keine Dame interessiert. Naja, so ganz stimmt das nicht – es gibt eine Sekretärin, die unserem Held auf Erwachsenenart Glück wünschen will, aber diesen Erfolg quittiert uns das Spiel mit einer schwarzen Ausblendung für drei Sekunden. Toll. Mal ganz abgesehen davon, dass wir die ganze Zeit mit der feschen Piratenbraut Patty durch die Gegend segeln, für die wir den ganzen Welt-retten-Scheiß – wenn wir mal ganz ehrlich sind – eigentlich machen, wovon man aber mal gar nichts kriegt. Piranha Bytes hat sich darauf beschränkt, die offensichtliche Zugetanheit der beiden für ein bisschen oberflächlichen Humor zu nutzen, ausbauen kann man die Romanze nicht. Allerdings sieht Pattys Dekoltée auch nicht so wahnsinnig einladend aus.

Womit ich wieder eine meiner berühmten brillanten Überleitungen geschafft habe, zur Technik nämlich. Die Grafik hat eine seltsame Diskrepanz. Die Welt sieht teilweise echt toll aus, ich stand einmal da und hab mir einen ganzen Sonnenuntergang angeschaut, einfach weil’s so schön war. Ich hab doch… irgendwo.. aha! Da ist es, das Bild:

Sonnenaufgang auf Antigua

Wenn man in’s Detail guckt, sieht es aber eben doch recht angestaubt aus. Im Kampf sind die Animationen (dank Motion Capturing, denke ich) flüssig und natürlich, im Gespräch gibt es immer noch die etwas bizzar aussehenden Armbewegungen, die man noch aus Gothic 1 kennt. Dass sich ein kleines Studio keine Hightech-Engine kaufen kann, ist irgendwo klar. Vielleicht gebricht es auch an Manpower, um sowas selbst zu schreiben. Aber das mit den Armen hätte man doch schon mal lösen können… Alles in allem hat mich die Grafik aber selten gestört. Ich bin da zugegebenermaßen aber auch etwas gleichgültig. Meinetwegen könnten die Piranhas mit der Gothic-2-Engine arbeiten, wenn das Restspiel dann gleich gut wird.

Langsam ist mal Zeit für eine Zusammenfassung, bald sind die Buchstaben alle.

Positiv: Tolle, von Hand gebaute Welt – besseres Storytelling mit guter Story – gut geschriebene Dialoge – gute Sprecher – gute Musik – sauber umgesetztes Piratenszenario – „Gothic Feeling“
Negativ: Technik veraltet – Tagesabläufe zusammengestrichen – Berufsfähigkeiten fast überflüssig – Potential legendärer Items wird nicht ausgenutzt – Kampfsystem unterdurchschnittlich – Witz und Charme leiden unter der Abwesenheit ausgeflippter Charaktere, Eastereggs und Anekdoten – unglaubwürdig wenige Charaktere – schlechter Umgang mit Sex und Romantik

Fazit: Ich hab Risen 2 schon frenetisch und gerne gespielt, es ist ein wirklich tolles Spiel, für einen Gothic-Fan ist es auf jeden Fall Pflicht. Eigentlich würde ich da gerne einen Punkt machen, aber leider hat es eben aber auch merkliche Probleme, was umso ärgerlicher ist, weil viele davon so einfach hätten vermieden werden können, einige Sachen waren sogar in den Vorgängern schon mal besser gemacht worden! Gerade das Piratenszenario hätte so viele Chancen auf lustige und skurile Situationen und Charaktere gehabt, es tut weh, wie wenig davon Gebrauch gemacht wurde. Das DLC für 10€ – das ich als Vorbesteller umsonst bekommen habe – übrigens ist absolute Nepperei. Ich habe es in einer Viertelstunde durchgespielt, es ist sehr lieblos, sehr viel zu einfach und sein Geld kein bisschen wert. Vermaledeite Geldschneiderei.
Ich würde das Spiel trotzdem jedem ans Herz legen, spätestens, wenn man es bei Steam mal günstig kriegt. Denn die negativen Punkte sind ärgerlich, aber im Endeffekt haben sie keine Schnitte, das Tolle am Spiel kaputt zu machen. Steckt jede Menge Liebe drin. Und jede Menge Gothic.

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