Das Linke Spinner

Die Deutsche Bahn scheint ausgewählte Stammkunden neuerdings mit Kuhmistodeur zu begrüßen. Während ich noch kurz versuchte, dieses olfaktorische Attentat näher zu charakterisieren, trieb mich mein Selbsterhaltungstrieb – in der naiven Illusion, die nächste Schwingtüre wäre dem Nebel eine Schranke – weiter in den Zug hinein. Und tatsächlich: Ich fand einen freien Sitzplatz. Doch ein neuerliches Geruchserlebnis lies mich zögern. Den angebissenen Hundeknochen neben den Sitz wertete ich als Bestätigung, dass es sich bei dem Geruch um caninen Urin handeln musste.

Der Zug fuhr an. Dies war wohl der Schlüsselreiz für drei Kinder in maximal Metergröße, aus dem Abteil am vorderen Ende unseres Sitzplatzensembles zu stürmen und – wohl ganz ohne Training in Camps des Nahen Ostens – ihr Talent als Zwergenterroristen zu demonstrieren. Fenster wurden schreiend betrommelt, an Geländern gerissen und geschaukelt, die umsitzenden Langweiler konsequenterweise mit Müll beworfen und die zwei biologisch zumindest anteilig verantwortlichen Individuen intermittierend und abwechselnd angeschrien oder in einer Weise bearbeitet, für die an Jahren Ältere schon wegen Vergewaltigung verurteilt wurden. Einer der Zuchtguerillias hatte ein besonders freiheitliches Ritual: Er setzte sich auf den Boden, rieb abwechselnd die Öffnung und den Boden seiner 0,5L pet Flasche auf dem Boden und leckte dann daran. Plötzlich konnte ich dem Uringeruch etwas Positives abgewinnen.

Ich betrachtete diese hilflosen Wesen, die sklavisch hinter der anarchischen Brut herräumten: eine schwarzhaarige, dünne Frau in Sandalen, regenbogenfarbendem Gehrock und gelbem T-Shirt mit dem Konterfei von Ché Gevara und eine hochgewachsene auf blond gefärbte, gebräunte Frau in unauffälligerem Outfit. Letztere sah zwar auch für ihr postpeak Alter ziemlich gut aus, verscherzte sich aber die dadurch gewonnenen Symphatien durch ihren Mix aus einem stark durch einen zweifelsfrei deutschen Akzent kompromittiertem Englisch und einzelnen, wahllos eingestreuten deutschen Wörtern. Angeblich eine Südafrikanerin. Naja, wahrscheinlich aus Moabit.

„Können die Kinder etwas leiser sein!“ brüllte eine nach Gymnasiallehrerin prä Frührente aussehende Frau in der Reihe vor mir. Mit dem angebrachten Zweifel in der eigenen Antwort rief eine der Mütter „Wir versuchen es!“. Was folgte war ein halbstündiger steter Wechsel aus Beschwörungen und Bestechungsversuchen. Vergeblich. Die aufgeheizten Gnome waren unbestechlich. Interessanterweise war schliesslich durch die Anwednung eines Biene Maja Hörspiels der Lärmpegel und somit auch die damit in exponentiellerweise verbundenen Kollateralschäden deutlich zu senken. Biene Maja schlägt vandalisierende Antichristen. Ob Nietzsche das wusste?

Leider gab dies den Müttern Gelegenheit zur Unterhaltung. „Meine Eltern sind ja total links“, tat die Regenbogen-gewandete Frau kund, „aber als ich in so’m Magazin gelesen hab ‚das Merkel‘ – da musst ich mich doch hinter die stellen! Solidarität und so!“ und fügte leise hinzu „A-Aber politisch, politisch sind die Merkel und ich – So!“.

„Das linke Spinner“ ist also weiblich.

Thursday, August 26, 2010

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