Archiv für September, 2015

Endlich Luxusleben – Abenteuer mit dem großen Löffel

Posted in Das Leben und der große Löffel on 7. September 2015 by Herr Grau

Irgendwann geht das Licht an, der Vorhang hoch und man findet sich arbeitend. Zur Erheiterung der jüngeren Generationen bemüht man sich hektisch, von der täglichen Erkenntnis abzulenken, dass man Lebenszeit seiner besten Jahre gegen Geld eintauscht – und zwar primär, indem man das derart verdiente Geld für größtenteils unnötige Konsumwaren ausgibt. Soweit das wohlbekannte und gern genommene Konzept.

taxJetzt gibt es mehrere Arten von Luxus. Die Akquise von weltlichen Reichtümern führt in immer kürzer werdenden Abständen zu relativem bis herablassendem Gleichmut anstatt Begeisterung bei der Zielgruppe: Den Freunden, die man damit beeindrucken will. Die haben nämlich auch zunehmend besseres zu tun – Kinder großziehen, arbeiten und nachts recherchieren, welcher Weber-Grill wohl den meisten Eindruck auf der nächsten Grillparty schinden wird. Es ist allzu leicht, in eine Spirale von Mehrinvestition zu rutschen. Es juckt mir in den Fingern, mich genüsslich in den Details der Motivationsmechanismen unserer Konsumkultur zu wälzen, aber damit wäre diesem Artikel mehr geschadet denn genützt.

Die Alternative, nämlich, verdient eine ernstgemeinte Evaluation und daher all unsere Aufmerksamkeit. Die Deutschen geben weniger als ein Siebtel ihres Geldes für Essen aus. Meiner persönlichen Erfahrung nach hat das einen klaren Grund – den selben Grund, warum deutlich mehr Fleisch in Theken als beim Metzger gekauft wird und warum seit Jahren Discount- und Systembäcker das traditionelle Handwerk töten: Der deutsche Konsument ist mit ziemlich unterdurchschnittlichem Scheiß zufrieden, solange das ganze nur billig ist. Wie das unmarmorierte, aus Wasser bestehende Abpackfertigkotlett hergestellt wird, wie die Tiere von Geburt bis Schlachtung leiden, wie viele Antibiotika sie fressen, wie die Arbeiter ausgebeutet und unterbezahlt werden und dass das ganze dann von der Ukraine hier hergefahren muss, ist genauso unwichtig wie der nichtssagende, trockene Geschmack, solange. Sie. Nur. Billig. Sind. Diese Mühle dreht sich schon so lange, dass bei einer breiten Masse die Fähigkeit, Qualität zu erkennen und wertzuschätzen bereits verkümmert ist. Meistens direkt entlang der Unfähigkeit, auch einfachste Mahlzeiten ohne ChlorFix für Angstfreie Salzkartoffeln zuzubereiten.

acetoEs geht überhaupt nicht darum, dass es ach so schön ist, reich zu sein und einen exquisiten Lebensstil zu pflegen. Zu allervorderst empfehle ich jedem dringend, Essens-Snob zu werden. Wer sich bewusst ist, was er in seine Eindau-Luke steckt, wer sich Mühe mit der Zubereitung gibt und das Beste aus dem macht, was er hat, der ist besser als seine Brüder und Schwestern. Und ich plädiere dafür, dass er sich auch besser fühlen soll. Wer auf prozessierten Krempel verzichtet und sein Essen selbst zubereitet, der ernährt sich mit großer Wahrscheinlichkeit gesünder. Er gibt weniger Geld an Konzerne und mehr Geld an die Produzenten in seiner Region. Er bildet seinen Geschmackssinn aus und genießt sein Leben. Er ist zufriedener, gesünder und gut für sein Land und seine Mitmenschen. Und gelegentlich – gelegentlich belohnt er sich mit etwas Besonderem.

Ich arbeite viel und verdiene nicht schlecht. Ich habe mich entschieden, mein Geld lieber in gutem Essen und Trinken anzulegen, als dem Trend zum Dritt-BMW zu folgen. Im Folgenden werde ich in dieser schicken neuen Kategorie von meinen Erfahrungen mit exklusiven Genussmitteln verschiedenster Preisniveaus schreiben.

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Croque Madame – Dekadenz in Brot

Posted in smile and look alive, Studentenfutter on 2. September 2015 by Herr Grau

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Manche Dinge, die jedes andere zivilisierte Volk dieser Erde schon vor Ewigkeiten entdeckt hat, gibt es in Deutschland schlicht nicht. Es ist ein Zeugnis unseres kollektiven Antihedonismus, dass selbst die puritanischen Briten, für die Spaß und Selbsthass in einer dauerhaften, liebenden Beziehung zueinander stehen, irgendwann auf die Idee gekommen sind, ihr geschmackloses Weißbrot mit ihrem kruden Käse und ihrem traurigen Schinken zu überbacken – wir aber nicht. Wir machen Butterbrot. Das ist gut, das war gut, das bleibt gut und wenn daran gar nicht gemacht worden wäre, dann könnte ich mich damit abfinden. Ich würde mich hinstellen und mit Feuereifer verteidigen. Der Deutsche, leider, hat sich schon verkauft: Die Bäckertheken liegen voll mit den seltsamsten Kuriositäten, größtenteils ohne Sinn und Verstand zusammengestoppelt. Verlorener Posten, folgendes zuzugeben fällt mir leicht: Ja, ich bin neidisch auf die Sandwiches anderer Nationen. Warum zur Hölle gibt es keine vernünftigen Cold Cut Sandwiches, obwohl wir fantastischen Schinken und sehr gute Salami können? Warum keine Italian Beefs, die mit langsam gekochten, dünn aufgeschnittenem Rindfleisch und hausgemachte Giardiniera zubereitet und dann in den Fleischsaft getaucht werden? Warum gibt es keine Cubans? Cheese-Steak? BLT? Tuna? Haben denn alle den Verstand verloren?! Wir sind eine der herausragendsten Brotnationen dieser Welt und wir können nicht mal ein einfaches Sandwich mit Käse und Schinken? Kein Wunder, dass dem Deutschen so selten nach Lachen ist.

Um diesen Missstand zu beheben, halten wir uns nicht lange mit mittelmäßigen Darbietungen auf, sondern begeben uns direkt zur Wiege aller butteriger Dekadenz: Frankreich. Hier wird das Schmelzen von Käse in Brotnähe auf höchstem Niveau praktiziert. In Marcel Prousts „Suche nach der verlorenenen Zeit“ ist die Croque Monsieur, Schwester der Croque Madame sans Spiegelei, das erste mal schriftlich erwähnt – was kein Schwein weiß, weil ich niemanden kenne, der über die ersten Kapitel hinaus gelesen hätte. Allerdings wird ihr auch deutlich weniger Beachtung geschenkt, als der allseits bekannten Madeleine. Das ist auch in Ordnung so, sonst wäre es für mich auch wenig lohnend, darüber noch Worte zu verlieren. So ein Blog will ja auch gefüllt sein. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts haben sich unzählige Varianten ausgebildet. Traditionell wird die Croque Madame aus weichem, wolligem Kastenweißbrot gemacht. Von diesem wird die Kruste abgeschnitten, das Brot mit Gruyére und Kochschinken bestückt und das ganze entweder im Ofen oder in der Pfanne gebacken. Spiegelei drauf macht aus der Croque Monsieur eine Croque Madame. Jetzt gibt es allerlei optionale Zugaben. Dijon-Senf kann auf die Innenseiten des Brots gestrichen werden. Das Brot, fertig geröstet oder ausgebacken, kann mit Bechamél-Sauce überbacken werden. Undoder noch mehr Käse. Ein rechter Dschungel tut sich auf. Zeit für Macheten.

Ich benutze durchaus gerne ein rustikales Weißbrot und ich schneide auch die Rinde nicht ab. Gottesfrevel! Pauken, schiefe Posaunen! Das liegt daran, dass ich keine Operntänzerin mit marodem Gebiss bin. Kruste hat Geschmack und Geschmack war ursprünglich irgendwann mal das Ziel. Ich streiche die Innenseiten des Brots dünn mit Löwensenf Medium ein – das ist ein exzellenter Dijon-Senf, wie die Zweigstelle der Göttlichen Ordnung, die Stiftung Warentest, ihm erst kürzlich wieder bescheinigte. Die leichte Schärfe und Säure kontrapunktiert die doch sonst etwas eintönige Fettigkeit von Schinken und Käse. Beim Käse gibt es keine Fragen: Gruyére ist die richtige Wahl, nach mehreren Versuchen kann ich da getrost einen Punkt hinter machen. Beim Kochschinken braucht man zu wählerisch nicht zu sein. Ich bevorzuge italienischen Prosciutto Cotto, aber das kann man halten wie die Dachdecker. Solange er nicht zu trocken ist und für sich gut schmeckt, ist er geeignet. Jetzt wird es interessant: Die Zubereitung.

Grill des Ofens auf 250° vorheizen. Sodann schneiden wir uns zwei ordentliche Scheiben unseres liebsten Weißbrotes ab, fingerdick. Diese werden innen mit Senf eingestrichen, danach versucht man mehr oder minder, den Senf wieder abzukratzen. Damit kommt man bei einer guten Menge heraus. Mit ordentlich Gruyére und Schinken füllen und bei mittlerer bis mittelhoher Hitze in Butterschmalz zu perfekter Goldbräune ausbacken. Derweil oder vorher eine Bechamél-Sauce herstellen: Einen Esslöffel Butter schmelzen, einen Esslöffel Mehl einschlagen, dann Schluck für Schluck Milch unterschlagen, bis die Konsistenz schön dickflüssig ist. Einmal aufkochen, mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Das perfekt gebräunte Brot auf der Oberseite vollständig mit Bechamél bedecken und mit geriebenem Gruyére überdecken. Unter dem Grill den Käse schmelzen und bräunen. Derweil ein Spiegelei braten und darauf platzieren.

Fröhliches Schlemmen. Mögen die Gefäßchirurgen mir verzeihen…

Das Rezept habe ich übrigens nach langer Recherche von Kris Morningstar (Terrine Restaurant) geklaut. Der Mann hat’s einfach raus.

The Winston Churchill Memorial Milkshake

Posted in German Heaven, Mixed Feelings, smile and look alive, Studentenfutter on 2. September 2015 by Herr Grau

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Ursprünglich hatte ich vor, mein schickes neues Rezept für Milkshake aus Stolz und Eitelkeit nach einer Berühmtheit zu benennen, die wenigstens halbherzig bekannt für ihre Liebe zu Buttermilch ist. Das waren mal nützlich aufgewendete zwanzig Minuten. Scheint, als ob sich die Begeisterung für dieses bescheidene Molkeprodukt doch deutlich mehr in Grenzen hält, als ich erwartet hatte. Sei’s drum: Wenn die Welt nicht will wie ich, dann spielen wir das Spiel eben anders. Winston Churchill konnte mit einer Hand Panzerhaubitzen aus der Hüfte schießen, während die andere Hand pokerte, Romeo y Julieta rauchte und eine Nebukadnezar-Flasche Pol Roger gen Leber stemmte. Genau der richtige Namenspatron also für diese kongeniale neue Erfindung meiner allzu bescheidenen Person: Dem Buttermilkshake.

Eine kurze Suche bei Google ergab schnell, dass ich natürlich nicht der erste auf unserer kleinen blauen Kugel war, der auf die Idee gekommen ist, Buttermilch in den Milkshake zu schrauben. Aber ich kann aufrichtig versichern, dass ich das bis gerade eben nicht wusste. Meinem Erschafferstolz tut das keinen Abbruch. Blitze durchzuckten das Haus und ich lachte kreischend-manisch, als sich der wirre, unstete Geist in ein Glas milkshakige Großartigkeit ergoss. Das kann mir keiner nehmen.

Man nehme:
1 Teil Buttermilch
2-3 Teile Vanilleeis
Früchte nach Belieben
Honig zum Abschmecken
Optional: Geriebene Zitronenschale

Milkshake-Rezepte sind nie genaue Wissenschaft. Das liegt hauptsächlich daran, dass Eis nicht gleich Eis ist und auch verschiedene Früchte unterschiedlich stark andicken. Mit ca. 250g Buttermilch, zwei Pfirsichen und 550g Aldi-Vanilleeis landete ich bei der Konsistenz, die ich von meinem Milkshake erwarte: Diese spladdernde Schlotzigkeit, die von höherer Weihe singt. Erst Früchte mit Buttermilch pürieren, dann Eis nach und nach zugeben und unterpürieren, bis die eigene Zurückhaltung versiegt.

Fröhliches Buttermilchen.