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Das Leben und der Große Löffel – Espresso aus der La Pavoni

Posted in Das Leben und der große Löffel, Getestet, smile and look alive on 5. Februar 2017 by Herr Grau

Das weite Feld der Medizin wird an jeder seiner Seiten von Kaffeemaschinen, Kannen, Tassen und Automaten eingefriedet. Wer nach dem wirklichen Rückrat der modernen Medizin sucht – hier ist es zu finden. In dem schwarzen Gebräu aus aufwändig verarbeiteten Bohnen aus noch ferneren Ländern liegt in vielen Fällen der einzige Grund für die ruhelose Bewegung der allseits müden Glieder zugunsten der Volksgesundheit. Ich – allerdings – trinke keinen Kaffee.

Nicht nur will ich mir die Wirkung von Koffein für sinnvolle Einsatzzwecke bewahren, ich habe auch wenig Lust auf eine weitere Abhängigkeit. Die Zähne werden auch hässlich. Und, wenn man mal ehrlich vor Gott und der Welt ist, besonders gut schmecken tut die Plörre in der hiero handelsüblichen Form wirklich nicht. Der deutsche Filterkaffee, insbesondere in seiner Krankenhausform, kann zwar mit einem sorgfältig gehegtem stoischen Gleichmut ohne sofortige körperliche Schäden konsumiert werden – Genuss ist aber wahrlich das falsche Wort.

Jetzt riecht Kaffee aber schon ziemlich lecker. Und in meinen Italienurlauben stellte sich auch schnell heraus, dass er auch fantastisch schmecken kann, wenn man denn nur alles richtig macht und die Sterne alle in einer Reihe stehen. Nach einem eher halbherzigen Versuch meinerseits mit einer French Press vor einigen Jahren hatte ich die Jagd aber alsbald zugunsten lohnenderer Ziele wieder eingestellt; der Aufwand, richtigen, den Göttern gefälligen Espresso zu fertigen, erschien bereits nach kurzer Recherche zu aufwändig und kostenintensiv.

Just flammte das Interesse wieder spontan auf und hält seither meinen Blick wieder mit festem Griff in Richtung Il Caffé gerichtet. Zwar hat sich mein zeitliches Angebot nicht unbedingt zum Besseres gewandelt, dafür schmerzt der Rest nicht mehr ganz so arg. Ich muss aber vorwarnen: Dieser kleine Exkurs wird nicht gerade preisgünstig. Die Espresso-Fee, so steht es seit jeher geschrieben, bestraft konsequent jene, die knausern, beschert ihnen schwere Nächte und das mieserable Gefühl, dass all das Geld, das sie ausgegeben haben, samt und sonders für Nachbars Katze war. Man sollte sich also darauf einstellen, beim Kauf der Einrichtung und des Rohmaterials konsequent sein zu müssen. Es braucht gute Bohnen, eine Siebträgermaschine und eine ausgezeichnete Mühle. Entweder das oder nichts. Tertium non datur.

Die moderne Zeit hat – auch wenn sich das beim Lesen meiner Buchstaben oft anders anzuscheinen schickt – den ein oder anderen Vorteil. Unter anderem gibt es mikroprozessorgesteuerte, sehr hochglanzkatalogaffine Espressomaschinen, bei denen man sich um vieles nicht mehr kümmern muss; insbesondere die Temperatur der Brühgruppe und der Wasserdruck werden elektromagisch gesteuert, was natürlich die Menge an möglichen Fehlerquellen deutlich minimiert. Ich bin in mich gegangen und habe beschlossen, dass ich potentielle Fehlerquellen mag. Sie sind nämlich gleichzeitig auch die Rädchen, an denen man zwecks Ergebnisoptimierung laut kichernd drehen kann. Ich entschloss mich in meinem Wahn also für den absoluten Klassiker unter den Klassikern, Vorfahre aller modernen Espressomaschinen: Die als zickig und ausgesprochen schwierig zu bedienen geltende La Pavoni.

Bei dieser Maschine, die auch vom ungeübten Auge als ausgesprochen formschön anzusprechen ist und es daher auch schon in das Inventar des MOMA geschafft hat, wird der Druck, der das heiße Wasser durch den Kaffee befördert, vermittels eines Handhebels aufgebaut. Das reine Prinzip der Bedienung ist nicht schwierig: Wasser einfüllen. Wasser heiß machen. Kaffeepulver – der Afficionade spricht vom „Mehl“ – in Sieb tun, Sieb an Maschine anbringen. Hebel heben, Hebel senken, Kaffee läuft aus. Leider, man ahnt es schon, lauert ein Schlag Teufel in der üppigen Menge Details. Ich habe lange herumgelesen und die verschiedenen Tricks und Kniffe zur Bedienung der La Pavoni zusammengetragen und will diese im Folgenden wiedergeben; so erspart man sich das genussvolle Machen von jedem nur möglichen Fehler.

Die Maschine – La Bella Machina
71sy7af6del-_sl1500_La Pavoni stellt eigentlich hauptsächlich diese eine Maschine her, hat sie aber verschiedenst variiert. Die häufigsten Varianten sind die Europiccola und die Professional. Beide Maschinen bekommt man deutlich südlich des stattlichen Neupreises in gutem Zustand auf dem Gebrauchtmarkt, hier sollte man darauf achten, dass die Maschinen möglichst gerade neue Dichtungen bekommen haben, rostfrei und entkalkt sind. Die beiden Pavoni-Töchter unterscheiden sich darin, dass die Professional über ein Manometer und einen 1,6l-Tank verfügt, die kleinere Maschine muss mit einer einfachen Temperaturschaltung und einem 800ml-Tank vorlieb nehmen.  Man könnte schnell denken, dass der große Tank eine für den Einzelbenutzer übertriebene Spielerei sei; da man den Kessel aber lediglich zu ca. 2/3 füllen sollte und den ein oder anderen Leerbezug – das Ablassen von Wasser zum Aufwärmen der Brühgruppe – einkalkulieren muss und dann gegebenenfalls auch noch genug Druck für das Aufschäumen von Milch haben will, ist man schnell über den größeren Tank dankbar. Denn muss man zwecks Nachfüllung die Maschine öffnen, ist erstmal der ganze Druck abzulassen und das frische Wasser muss voll durchheizen. Auch das Manometer ist alles andere als Zierrat, denn es reguliert die Temperatur im Wasserkessel. Diese wiederum hat einen ziemlichen Einfluss auf die Erwärmung der Brühgruppe und DAS möchte man gerne sehr genau kontrollieren. Das Baumuster der Maschinen wurde mit den s.g. „Millenium-Modellen“ geändert, die Brühgruppe wurde größer, Kolben und Lager wurden gegen Teile aus Kunststoff bzw. Teflon getauscht. Funktionieren tun beide, ich bevorzuge aber die alten Maschinen mit Messingkolben. Es gibt desweiteren noch eine Mignon genannte Maschine ohne Dampflanze und Wasserstandszeiger: Schlechte Idee, allenthalben. Die „Stradivari“ ist einfach nur äußerlich anders, technisch sind die Maschinen identisch.

Kaffee
Dieses Thema hier abschließend behandeln zu wollen, ist eine rechte Eselsidee. Ich will nur so viel sagen, dass es sich nicht lohnt, mit der La Pavoni überhaupt zu arbeiten, wenn der Kaffee nicht passt. Das heißt nicht nur, dass die Qualität stimmt – empfehlenswerte Kaffees sind bspw. New York XXXX oder Espresso-Röstungen von Fausto, Supremo (insbesondere der Roma Traditional) und Langen – vor allem heißt das, dass der Kaffee frisch gemahlen wird und der Mahlgrad ziemlich genau eingestellt wird.

Mühle
Ich wollte es auch erst nicht glauben, obwohl die Fachleute den Satz gebetsmühlenartig wiederholen: Die Mühle ist genauso wichtig, wenn nicht wichtiger als die Kaffeemaschine. Entsprechend sollte man dafür nochmal das selbe Geld einplanen. Es gibt inzwischen etliche sehr gute Mühlen am Markt. Die Entscheidung zwischen guten Kegel- und Scheibenmahlwerken ist noch nicht geklärt, die Gelehrten streiten sich noch. Man könnte auch sagen: Beides funktioniert, wenn es denn gut gemacht ist – und beides funktioniert nicht, wenn nicht. Gute Mühlen, die sich mit der La Pavoni vertragen, kommen bspw von Mazzer und Mahlkönig. Ich persönlich habe mich für eine Anfim Haus Self entschieden (technisch baugleich mit der ECM Casa), die mit 325€ gerade noch bezahlbar ist, mit exzellenter Bauqualität und einem sehr hochwertigen Mahlergebnis punktet.

Wasser
Das verwendete Wasser ist wie bei der Zubereitung aller Getränke auch beim Kaffee von keinstenfalls zu unterschätzender Bedeutung. Entscheidend ist, dass das Wasser pH-neutral ist, aber ein paar Mineralien enthält. Leitungswasser ist meist zu kalkhaltig, was sowohl häufiges Entkalken nötig macht als auch dem Geschmack sehr abträglich ist. Kaffee aus destilliertem Wasser schmeckt sehr flach. Man kann abgefülltes Wasser ordentlicher Qualität nehmen (bspw Volvic), günstiger kommt man aber mit einem Wasserfilter hin. Ich mische noch einen Schluck Leitungswasser hinzu, dies sollte man aber je nach Region entscheiden. Die Filterkartuschen gibt es inzwischen für bezahlbar Geld von Drittherstellern, man muss nicht zu den sündhaft teuren Britta-Produkten greifen.

Technisches Vorgehen und Hinweise – Ein Beipackzettel in 14 Punkten
Ich versuche hier den Zettel, der jeder La Pavoni eigentlich beiliegen sollte und es vermutlich schlicht aus elitärer Eitelkeit auch nach über 50 Jahren immer noch nicht tut, zusammen zu tragen. Jeder dieser Punkte ist wichtig bis sehr wichtig, keiner davon sollte ignoriert werden.
1. Der Kessel wird ca. 2/3 bis 3/4 mit Wasser gefüllt, mehr macht Probleme. Bei weniger ärgert man sich doch recht schnell, dass schon wieder das Wasser alle ist. Immer am Schauglas auf den Wasserstand achten – man kann die Maschinen kaputt heizen, wenn sie trocken laufen.
2. Nachdem die Maschine aufgeheizt ist, wird über die Dampflanze ordentlich Dampf abgelassen. Dies dient zum Ausstoßen der s.g. „falschen Luft“, also normaler Luft. Wir wollen nur Wasserdampf im System haben.
3. Nach erneutem Aufheizen sollte sich das Manometer auf ca. 0,8-0,9 bar einpendeln, bei den meisten hat sich 0,8 bar bewährt. Der Druck korrospondiert mit der Temperatur des Wassers im Kessel. Zwar fällt die Temperatur bei Eintritt in die Brühgruppe unabhängig vom Kesseldruck unter atmosphärischen Bedingungen auf 100° zurück, die überschüssige Energie muss aber irgendwo hin – diese erwärmt als heißer Dampf das System. Da die Pavoni mit Hitzeproblemen zu kämpfen hat, ist ein zu hoher Druck nicht empfehlenswert. Bei zu wenig Druck ist kein Milchaufschäumen mehr möglich. Der Druck kann am Pressostaten reguliert werden (dazu gibt es im Netz viele bebilderte Anleitungen).
4. Die Maschine kommt mit zwei Sieben, ein Einer- und ein Doppelsieb. Im Einersieb haben sich ca 9g Kaffee bewährt, im Doppelsieb 12g. Man kann die Menge wiegen, erstaunlicherweise kommt man aber meistens sehr gut aus, wenn man den Siebträger locker füllt und ohne großes Rütteln genau schlüssig zum Rand abzieht. Danach wird getampert, also mittels eines Stößels das Kaffeemehl verdichtet.
5. Der Tamper sollte genau in das Sieb hinein passen, die La Pavoni reagiert sehr stark auf unpassende Tamper. Achtung: Da es verschieden große Brühgruppen gibt, sollte man vorher seine eigenen Siebe nachmessen. Es geht hier um halbe Millimeter, also am besten einen Messschieber bemühen. Nach dem Tampern freie Krümel vor allem vom Rand des Siebträgers entfernen.
6. Die richtige Feinheit des Mahlgrades und die korrospondierende Stärke des Tamperns ist vermutlich der Punkt der größten Unsicherheit und fordert persönliche Experimente, ein magisches Geheimrezept gibt es hier nicht. Das Konzept ist: Zu grobes Kaffeemehl macht den Kaffee sauer, zu feines bitter. Man muss also probieren. Der Tamperdruck wird danach dem Mahlgrad derart angepasst, dass der Kaffee mit mittlerem Hebeldruck in 25-30 Sekunden durchfließt. Fehlt es an Crema, so wird fester getampert und kräftiger gedrückt.
7. Die Brühgruppe kühlt mit ihrer thermischen Masse das Wasser aus dem Kessel auf die Brühtemperatur ab. Ist sie noch kalt, sprich ist vorher kein Kaffee gebrüht worden, so ist die Abkühlung größer und die Brühtemperatur niedriger. Nach einigen Brühvorgängen („Bezügen“) hat sich die Brühgruppe dann so weit erwärmt, dass das Wasser nicht mehr ausreichend abgekühlt wird – der Kaffee wird zu heiß gebrüht und „verbrennt“. Bevor der Siebträger in die Maschine gespannt wird, sollten, wenn die Maschine noch kalt ist, daher ein bis zwei s.g. Leerbezüge gemacht werden, um die Brühgruppe vorzuwärmen. Danach befindet man sich in einem Wärmebereich, in dem man zwei bis vier Espressi unter relativ ähnlichen Bedingungen zubereiten kann. Spätestens dann ist die Brühgruppe aber zu heiß. Man kann sie einfach abkühlen lassen, indem man keine neuen Kaffees zubereitet. Man kann die Gruppe aber auch schneller wieder abkühlen, indem man einen kleinen Ventilator darauf richtet oder – meine favorisierte Lösung – kaltes Wasser ansaugt. Dafür wird ohne Siebträger eine Schüssel Wasser darunter gehalten und der Kopf knapp eingetaucht. Jetzt wird der Hebel gehoben und das Wasser angesaugt – man darf ihn lediglich nur nicht so hoch heben, dass die Maschine die Brühgruppe mit neuem heißem Wasser füllt.
8. Nachdem die Brühgruppe auf richtiger Temperatur ist, wird der Siebträger mit dem vorbereiteten Sieb NICHT sofort eingespannt. Wird der Siebträger samt Kaffee eingespannt und der Hebel sofort gehoben, so saugt die Maschine Luft durch den verdichteten Kaffee und kann diesen anheben und brechen. Der Hebel sollte also bis knapp unterhalb des Punktes, an dem Wasser in die Brühgruppe gelassen wird, angehoben werden, bevor der Siebträger eingespannt wird.
9. Nachdem der Siebträger eingespannt ist, wird der Hebel vollständig gehoben und die Brühgruppe füllt sich mit Wasser. In dieser Zeit hat der Kaffee bereits Kontakt mit dem Brühwasser. Bevor jetzt der Hebel heruntergedrückt wird, sollte 5-10 Sekunden gewartet werden; diese s.g. „Präinfusion“ gibt dem Kaffee mehr Körper und Aroma.
10. Der Hebeldruck sollte derart reguliert werden, dass das gesamte Wasser innerhalb von 25-30 Sekunden durch den Kaffee gedrückt ist. Idealerweise ist der Druck dabei am Anfang recht mild, bis der erste Kaffee durch das Sieb drückt, danach sollte der Druck gleichmäßig hoch sein. Der Punkt, an dem diese beiden Phasen ineinander übergehen, ist mit einem bodenlosen Siebträger deutlich besser festzustellen.
11. Da der Ausfluss den Kaffee nie gleichmäßig trennt und das Volumen in der Brühgruppe sowieso nicht für zwei Espressi reicht, bietet es sich an, den Trenner am Ausfluss abzuschrauben. Es handelt sich um ein oft ausgesprochen festsitzendes normales Rechtsgewinde. Mutige trennen sofort den ganzen Boden heraus, am einfachsten mit einer Drehbank oder einem Kronenbohrer. Wer elf linke Daumen sein Eigen nennt, der kann sich auch direkt einen bodenlosen Siebträger kaufen.
12. Das s.g. „Fellini-Manöver“: Nachdem der Siebträger eingespannt, die Brühgruppe mit Wasser gefüllt und der Kaffee präinfundiert ist, kann man den Hebel schnell bis zu dem Punkt senken, vor dem der erste Kaffee ausgepresst wird und ihn dann schnell wieder nach oben ziehen und wieder senken. Dieses Manöver drückt am ehesten die letzte verbliebene Luft aus der Brühgruppe und ersetzt sie durch heißes Wasser. Ob das Ergebnis dadurch tatsächlich gleichmäßiger, besser oder im Dunkeln leuchtender wird, gehört eher in das Reich der ungeklärten Fragen. Man fühlt sich aber wahnsinnig toll, wenn man es flüssig beherrscht.
13. Es ist mehr oder minder Konsens, dass die Düsenkonstruktion der Dampflanze ziemlicher Schund ist. Es gibt einzelne, die sich der Kunst der dreilochigen Aufschäumung mit einer derartigen Hingabe gewidmet haben, dass sie inzwischen auf mindestens Kreisliganiveau die Milch schäumen können. Wenn man nicht zu viel Zeit und Frustrationstoleranz an sich hat, so bietet es sich an, eine Einlochdüse zu kaufen oder einfach eine 6x1er Hutmutter mit einem 1,5mm-Loch zu versehen und aufzuschrauben. Schon schäumt man mit den Besten.
14. Die Maschine muss nicht nur regelmäßig gesäubert und gegebenenfalls entkalkt werden, die Dichtungen sind Verschleißteile und wollen regelmäßig gewechselt werden. Insbesondere wenn irgendetwas pfeift oder tropft, ist es höchste Zeit für einen Ersatz der Dichtungen. Es gibt vollständige YouTube-Videos zum Arbeitsablauf, alternativ bieten etliche professionelle und hobbymäßige Pavoni-Restauratoren ihre Dienste für bezahlbares Geld an. Entkalken kann man selbst mit Zitronensäure oder Essigessenz, dabei sollte man die Brühgruppe nicht mit der Säure spülen. Die Kontaktfläche des Siebträgers sollte regelmäßig mit einer Bürste gesäubert werden. Wenn man fertig mit Kaffeebrühen ist, sollte man noch einen Leerbezug machen, um das Sieb oberhalb des Kaffeemehls, das s.g. „Duschsieb“ durchzuspülen. Der Siebträger selbst sollte regelmäßig mit Spülmittel und heißem Wasser gereinigt werden, denn hier setzen sich Kaffeeöle ab, die ausgesprochen schnell ranzig werden, was deutlich im Kaffee zu schmecken ist. Es gibt sehr detaillierte Pflegeanleitungen, aber ich finde, man muss es auch nicht übertreiben. Die La Pavoni soll primär Kaffee machen, nicht zum Pflegeobjekt und Lebensinhalt gedeihen.

Am Ende bleibt zu sagen, dass alle Theorie das praktische Experimentieren mitnichten ersetzt. Jeder muss seinen eigenen Arbeitsablauf etablieren und auf seinen persönlichen Geschmack abstimmen. Und nun gehet los und hebelet, aufdass reige Jubilei und unnatürliche Wachheit die Lande erfülle!

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Review: Fujiwara FKM Gyuto 21cm

Posted in Getestet, Scharfe Messer, smile and look alive on 21. November 2016 by Herr Grau

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Es gibt einen guten Grund, dass ich mich sehr darauf gefreut habe, dieses Messer testen zu dürfen: Mit 78€ inklusive Versand und MwSt ist das 21cm Gyuto aus Fujiwaras FKM Serie eines der allergünstigsten modernen japanischen Messer am Markt – und es genießt einen vergleichsweise guten Ruf. Ich muss sagen: Ich finde es lustig, dass sich gerade eine Schwertschmiede mit jahrhunderte langer Tradition wie Fujiwara dafür entscheidet, den günstigsten Sektor des Marktes zu bedienen und damit den Ruf eines „Redneck Masamoto“ zu ernten. Nicht, dass das relevant für irgendwen wäre.
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Review aus fünf Blickwinkeln: Kanetsugu Pro M Gyuto 180mm

Posted in Getestet, Scharfe Messer, smile and look alive on 12. Februar 2016 by Herr Grau

Eine ungeschriebene Regel der Kaufberatung besagt, möglichst nur Empfehlungen zu Messern abzugeben, die man selber kennt, daher haben wir beschlossen, in unregelmäßigen Abständen untereinander Kochmesser zu verleihen, um nicht jedes Messer von Interesse kaufen zu müssen. Wie hier angekündigt, gibt es fünf Meinungen zu einem Messer, von Amateuren als auch von Profiköchen.

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Kanetsugu bietet mit dem Pro M eine sehr bezahlbare (85€ inkl. Versand und MwSt für das 21er Gyuto) Messerserie aus japanischem Standardmesserstahl an, die mich hochgradig interessiert hat, da die Klingen einen exzellenten Ruf genießen. Wie sich herausstellte, gilt für dieses Messer uneingeschränkt der Satz: “Verdammt – es ist nicht alles perfekt.”

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Das Leben und der Große Löffel – Aceto Balsamico Tradizionale

Posted in Das Leben und der große Löffel, smile and look alive on 25. Oktober 2015 by Herr Grau

In jedem Supermarkt gibt es eine große Theke mit Balsamico-Essig, in jeder Kochsendung wird er von Pommes bis Wassermelone an alles gespritzt, was nicht bei 3 in der Mülltonne ist und inzwischen geht mit dem Wort selbst sogar die zugeknöpfteste Hausfrau gelassen um. Man sollte meinen, wir würden Balsamico kennen. Ätsch, reingefallen.

dopAceto Balsamico oder Balsamico-Essig ist kein geschützter Begriff. In anderen Worten: Eine Einladung für große Firmen, ein Produkt mit ausgesprochen guten Ruf unter Kennern bei den Eiern zu packen und einen billigen Abklatsch in den Markt zu drücken. Die Italiener haben zügig begriffen, dass der Kampf aussichtslos und die Teilnahme an der Kampagne äußerst lohnenswert ist. So haben sie sich direkt „Aceto Balsamico di Modena“ D.O.P.-geschützt und machen mit dem „traditionell hergestellten Original“ ein ausgezeichnetes Geschäft. Fast jede Acetaia hat solche Produkte in ihrem Sortiment, da ist sich keiner zu stolz für. Zusammen mit den exzellent beleumundeten Herstellern aus dem Schoß der Balsamico-Produktion verschweigen einem die Händler äußerst gerne, dass diese D.O.P. mit nichts als dem Standort der Produktion verbunden ist. Mit anderen Worten: Da kann alles drin sein. Und ist auch oft genug. Meistens handelt es sich um einen Industrieessig mit Glucosesirup und Aroma.

Echter Balsamico-Essig musste aber natürlich erhalten bleiben, denn das ist seit vielen hundert Jahren der tief verwurzelte, frenetisch verteidigte Stolz der Region um Modena in Emilia Romagnia. Ergo wurde eine zweite D.O.P.-Bezeichnung parallel erschaffen, die das Erbe der Stadt schützt: „Aceto Balsamico Tradizionale di Modena“ und „Aceto Balsamico Tradizionale di Reggio Emilia“ – und die haben es in sich. Sieben Rebsorten sind zugelassen, alle Trauben müssen aus der Region kommen. Es ist nur eingekochter Most als Zutat zugelassen. Der Essig muss 12 oder 25 Jahre in Fässern aus mindestens drei verschiedenen Hölzern gelagert werden, in Emilia gibt es auch noch die Kategorie 18 Jahre. Der Essig muss von einer Kommission verkostet und zum Verkauf freigegeben werden, der Vorrat ist derweil bei der Kommission unter Verschluss und wird nach Freigabe unter Anwesenheit der Hersteller zentral abgefüllt. Alle kriegen die gleiche Flasche. Das Alter wird in Modena mit zwei Kapselfarben und in Emilia mit drei verschiedenfarbigen Etiketten gekennzeichnet. Der Prozess ist so kontrolliert als wäre er von Schwaben ersonnen. Das alleine zeigt, wie sehr der Essig der herstellenden Region am Herzen liegt.

Der Essig wird in einer

Der Essig wird in einer „Batteria“ genannten Abfolge kleiner werdender Fässer aus unterschiedlichen Hölzern nach dem Solerasystem ausgebaut

Jetzt stellt sich natürlich wie immer die Frage, ob der Unterschied zwischen einem gut gemachten Industrieprodukt und einem traditionell handgefertigten Balsamico den drastischen Preisunterschied rechtfertigt. Immerhin kosten 100ml des raren Elixirs ca. 50€ für den 12-jährigen und ca. 100€ für den 25-jährigen. Ich habe mir aus Gründen von Dekadenz und Rittersleben einen 25-jährigen Tradizionale von der Acetaia Pedroni bestellt. Man lebt nur einmal und mit Stapelchips und Fischstäbchen ist es einfach manchmal nicht getan. Zum Vergleich gab es einen der hochwertigeren nicht-traditionellen Essige aus dem gleichen Hause.

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25-jähriger Essig aus der preisgekrönten Acetaia Pedroni. Balsamico dieses Alters darf sich „Condimento“ und „Extra vecchio“ nennen.

Der günstigere Essig schmeckt süßsäuerlich und merklich nach Traube, hat aber eine dominierende Essignote. Soviel dazu. Für Vinaigrette bestimmt brauchbar. Der Tradizionale ist aber schlicht nicht vergleichbar. Er ist dickflüssig und fast schwarz, schmeckt intensiv nach Traube, leicht kräuterig und schwarzbeerig, leichte Tabak- und Ledernoten erinnern an die Fassaromen von gutem Highland-Whiskey. Der intensive süßsauere Geschmack ist perfekt ausbalanciert und – was ich am spannendsten finde – die unangenehme Essignote ist vollständig verschwunden. Die Säure ist äußerst fein. Ich bin extrem angetan, ich glaube, das ist herauszulesen.

In kräftig gewürzten Gerichten geht das feine Aroma des Balsamicos sehr leicht unter. Ich würde davon abraten, ihn unüberlegt an alles anzugießen. Mit Parmesan schmeckt er vorzüglich. An der milden Sahnigkeit eines Büffelmozzarellas oder von Burrata entfaltet er sich genauso wunderbar wie mit einfach nur in Butter geschwenkten Tortellini. Und dann ist da natürlich noch meine absolute Lieblingsart, den Essig zu genießen: Mit Viennetta-Eis. Kein Witz. Sahneeis mit dunkler Schokolade passt unglaublich gut dazu.

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Da haben wir den Salat: Noch eine ziemlich teure Delikatesse, ohne die ich jetzt nur noch ungern leben möchte. Ich bin tatsächlich derart angetan, dass ich den Erwerb von Fässern zwecks eigener Produktion ernsthaft abwäge. Das wäre doch mal eine schöne Investition in die Zukunft. Vielleicht bin ich aber auch nur eine Gefahr für mich und andere – das ist manchmal schwer auseinander zu halten.

Das Leben und der Große Löffel – Pasta di Martelli

Posted in Das Leben und der große Löffel, smile and look alive on 3. Oktober 2015 by Herr Grau

Pasta ist eine unserer liebsten Quellen für unanständig große Mengen Kohlenhydrate. Mein Regal war von Tag 1 meines alleinstehenden Lebens an bis zur oberen Flutmarke mit italienischen Teigwaren gefüllt. Zwar dominierten Barilla und DeCecco das Bild, ich habe aber auch fast alle teureren und günstigeren Marken ausprobiert, die im normalen Einzelhandel zu haben sind. Früh stand die Frage im Raum, wie gut Nudeln werden können und wie groß der Unterschied zwischen einem bezahlbaren Massenprodukt und dem liebevoll handgeschlagenen Spaghetto aus der kleinen pittoresken toskanischen Familienmondscheinmanufaktur tatsächlich ist, wenn man die romantischen Neigungen der deutschen Arbeiterdrone subtrahiert und TÜV-geprüfte, DIN-genormte und signalgraue Ideal-Normalstandards anlegt.

Jetzt habe ich – wie es der Beelzebub so will – eine kleine pittoreske toskanische Familienmondscheinmanufaktur ausfindig gemacht. Die Liste der Pastahersteller, die als die besten der Welt gezählt werden, ist recht kurz: Die immer als Krone der Schöpfung gehandelten Nudeln von Latini gibt es nicht mehr. Kurz nach Einstieg der BWLer-Tochter in die Firma wurde diese an einen Konzern verkauft, der sich entschieden hat, dass diese fantastischen Nudeln nicht mehr hergestellt werden. Pastaficio Dei Campi kosten nicht nur 13,80€ / kg aufwärts, der Meister der Pastafertigung sieht auch aus, als wäre er direkt aus einem billigen Hip-Hop-Video gefallen. Das lässt mich vermuten, dass es sich hierbei eher um ein gehyptes Lifestyle-Produkt denn tradierte großartige Fertigungskultur handelt. Für Cipriani gilt ähnliches: Sicherlich gute Nudeln, primär geschätzt werden sie aber ihres hohen Preises von ca. 33€/kg wegen. Von Artigiano Fabbri gibt es in Deutschland genau die Linguine zu kaufen – da sie mit 7,60€ pro Kilo bezahlbar sind und Linguine in anderen Herstellerprogrammen fehlen, werde ich sie beizeiten sicherlich testen. Andere Hersteller, z.B. Rustichella d’Abruzzo und insbesondere auch jene aus Gragnano, beispielsweise Gentile oder die Genossenschaftsproduktion von Gragnano, sind sicherlich auch mal einen Blick wert. Ein Name taucht aber immer wieder auf, wenn man nach hervorragender Pasta sucht, und das ist die Familie Martelli aus der Toskana.

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Es handelt sich tatsächlich um eine kleine Familienmanufaktur, die seit 1926 in der kleinen Stadt Lari bei Pisa tätig ist und lediglich fünf Sorten Pasta von Hand herstellt. Anders als beispielsweise Dei Campi versuchen sie nicht, den Prozess zu mystifizieren: Es handelt sich um ein Handwerk und man muss es mit Geduld, Erfahrung und Aufmerksamkeit zu jedem Detail ausführen, dann stimmt das Produkt. Natürlich wird mit Bronzeformen gearbeitet, natürlich wird langsam und schonend in Umgebungsluft getrocknet. Anders als die meisten Premium-Erzeuger von Pasta in Italien verwendet Martelli aber Hartweizen aus Kanada und nicht aus der Heimat; die Qualität sei vergleichbar, aber über das Jahr konstanter. Und noch eine Sache hebt Martelli von den anderen genannten Herstellern ab – der Preis. Die Nudeln kommen ausschließlich als Kilopackung und die kostet zwischen 5,40€ und 5,80€ und ist damit weniger als doppelt so teuer wie das Industrieprodukt von DeCecco. Vergleichen wir kurz mit den weiter oben genannten Preisen und nicken zustimmend mit dem Kopf – das ist äußerst bezahlbar für eine handgemachte Nudel. Die ganze Veranstaltung liegt in einem Rahmen, der den täglichen Gebrauch durchaus rechtfertigt.

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Meiner Erfahrung nach ist es etwas schwieriger, handgemachte Pasta perfekt zu kochen. Der Sweet Spot ist kürzer, sie sind recht lang innen noch hart und recht zügig auch wieder verkocht. Man darf sich also darauf einstellen, dass man erst einmal jeden Nudeltyp lernen muss. Was ist die richtige Zeit im Topf, was die in der Sauce? Entspricht man aber dem technischen Anspruch der Nudel einmal – anders als bei den meisten anderen Herstellern stimmen die Zeiten auf der Packung ziemlich genau, so lernt man schnell -, so wird man mit einem wirklich großartigen Erlebnis belohnt. Die Nudeln bieten eine ganz andere Textur als ihre industriellen Schwestern und auch einige andere handgemachte Nudeln. Sie haben einen völlig eigenen Biss. Außerdem schmecken sie kräftig nach Nudel, auch das ist man in der Form nicht gewohnt. Eine zweite Lernerfahrung stellt sich schnell ein: Man nutzt viel weniger Sauce, um mehr von der Pasta selbst zu schmecken. Endlich macht Mario Batalis gebetsmühlenartige Wiederholung von der Nudel als Hauptaugenmerk und der Sauce als „Condimento“, als Dressing wirklich Sinn. Kann ich Nudeln von Martelli empfehlen? Sind sie das Geld wert? Werde ich sie ab jetzt als Standard in meinem Haushalt haben?
Um mit Burt Reynolds in Boogie Nights zu sprechen: Allerdings.

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Cacio e Pepe wie sie sein sollen: Nudeln und Käse in perfekter Balance. Die Pasta saugt die gesamte Sauce auf, der Teller ist danach wie geleckt.

Unser kollektiver Dank gebührt der Weinhandlung Bremer, die diese Nudeln für bezahlbar Geld importieren. Eines Tages werde ich mal was von meiner ganzen kostenlosen Werbung haben…

Endlich Luxusleben – Abenteuer mit dem großen Löffel

Posted in Das Leben und der große Löffel on 7. September 2015 by Herr Grau

Irgendwann geht das Licht an, der Vorhang hoch und man findet sich arbeitend. Zur Erheiterung der jüngeren Generationen bemüht man sich hektisch, von der täglichen Erkenntnis abzulenken, dass man Lebenszeit seiner besten Jahre gegen Geld eintauscht – und zwar primär, indem man das derart verdiente Geld für größtenteils unnötige Konsumwaren ausgibt. Soweit das wohlbekannte und gern genommene Konzept.

taxJetzt gibt es mehrere Arten von Luxus. Die Akquise von weltlichen Reichtümern führt in immer kürzer werdenden Abständen zu relativem bis herablassendem Gleichmut anstatt Begeisterung bei der Zielgruppe: Den Freunden, die man damit beeindrucken will. Die haben nämlich auch zunehmend besseres zu tun – Kinder großziehen, arbeiten und nachts recherchieren, welcher Weber-Grill wohl den meisten Eindruck auf der nächsten Grillparty schinden wird. Es ist allzu leicht, in eine Spirale von Mehrinvestition zu rutschen. Es juckt mir in den Fingern, mich genüsslich in den Details der Motivationsmechanismen unserer Konsumkultur zu wälzen, aber damit wäre diesem Artikel mehr geschadet denn genützt.

Die Alternative, nämlich, verdient eine ernstgemeinte Evaluation und daher all unsere Aufmerksamkeit. Die Deutschen geben weniger als ein Siebtel ihres Geldes für Essen aus. Meiner persönlichen Erfahrung nach hat das einen klaren Grund – den selben Grund, warum deutlich mehr Fleisch in Theken als beim Metzger gekauft wird und warum seit Jahren Discount- und Systembäcker das traditionelle Handwerk töten: Der deutsche Konsument ist mit ziemlich unterdurchschnittlichem Scheiß zufrieden, solange das ganze nur billig ist. Wie das unmarmorierte, aus Wasser bestehende Abpackfertigkotlett hergestellt wird, wie die Tiere von Geburt bis Schlachtung leiden, wie viele Antibiotika sie fressen, wie die Arbeiter ausgebeutet und unterbezahlt werden und dass das ganze dann von der Ukraine hier hergefahren muss, ist genauso unwichtig wie der nichtssagende, trockene Geschmack, solange. Sie. Nur. Billig. Sind. Diese Mühle dreht sich schon so lange, dass bei einer breiten Masse die Fähigkeit, Qualität zu erkennen und wertzuschätzen bereits verkümmert ist. Meistens direkt entlang der Unfähigkeit, auch einfachste Mahlzeiten ohne ChlorFix für Angstfreie Salzkartoffeln zuzubereiten.

acetoEs geht überhaupt nicht darum, dass es ach so schön ist, reich zu sein und einen exquisiten Lebensstil zu pflegen. Zu allervorderst empfehle ich jedem dringend, Essens-Snob zu werden. Wer sich bewusst ist, was er in seine Eindau-Luke steckt, wer sich Mühe mit der Zubereitung gibt und das Beste aus dem macht, was er hat, der ist besser als seine Brüder und Schwestern. Und ich plädiere dafür, dass er sich auch besser fühlen soll. Wer auf prozessierten Krempel verzichtet und sein Essen selbst zubereitet, der ernährt sich mit großer Wahrscheinlichkeit gesünder. Er gibt weniger Geld an Konzerne und mehr Geld an die Produzenten in seiner Region. Er bildet seinen Geschmackssinn aus und genießt sein Leben. Er ist zufriedener, gesünder und gut für sein Land und seine Mitmenschen. Und gelegentlich – gelegentlich belohnt er sich mit etwas Besonderem.

Ich arbeite viel und verdiene nicht schlecht. Ich habe mich entschieden, mein Geld lieber in gutem Essen und Trinken anzulegen, als dem Trend zum Dritt-BMW zu folgen. Im Folgenden werde ich in dieser schicken neuen Kategorie von meinen Erfahrungen mit exklusiven Genussmitteln verschiedenster Preisniveaus schreiben.

Geld gegen Essen – Canadian Diner & Cafe (Falkensee/Berlin Spandau)

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 23. August 2015 by bic_mac

(aus Übersichtsgründen vorgezogenes)

Pädikat: kulturell wertvoll!

„Oh finstrer Dämon des Bösen!“ – Dieser Satz ist das vollständige Gedankenprotokoll jenes schicksalhaften Tages, an welchem mein redliches und schaffensreiches Leben im wunderbaren Westfalenland beendet wurde und ich, den Gesetzen des Kapitalismus folgend, in die Bundeshauptstadt migrierte. Jedoch ach, manch Tändelei hätte sonst nicht meine Seele berührt.

Canadian Diner & Cafe

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Geld gegen Essen – Acacia (Münster)

Posted in Geld gegen Essen - Restaurantnörgeleien on 7. Juni 2015 by Herr Grau

(aus Übersichtsgründen vorgezogenes) Prädikat: Einen Besuch wert

Ich liebe Sushi, ich glaube, darüber habe ich mich ausreichend ausgelassen. Umso glücklicher war ich, als ich neben den vielen Utility-Sushi-Restaurants, die für mich einfach meistens eher eine Übung in Gleichmut denn Anlass zum Genuss sind, ein hochqualitatives, gut geführtes japanisches Restaurant gefunden habe. Es liegt extrem versteckt am Friedrich-Ebert-Platz, also da, wo sich Friedrich-Ebert-Straße und Theißingstraße teilen. Ich hätte es ohne das Internet im Leben nicht entdeckt, auch von außen praktiziert es typisch japanisch Bescheidenheit und Demut – vermutlich zu ihrem direkten Schaden, aber so ist es nun mal mit Prinzipien. Ich hoffe, dass sie auf die dadurch ausbleibende Kundschaft nicht angewiesen sind.

Hat man das Acacia einmal reserviert, gefunden und betreten, so stellt man erst einmal zufrieden fest, dass sich hier ein geschmackvoller Innenarchitekt mit einem vernünftigen Budget austoben durfte und das Restaurant nicht die Verwirklichung von Eile durch einen Gastrogroßzulieferer war, wie es bei asiatischen Restaurants nur zu oft der Fall ist. Dass der Laden ein bisschen arg zwischen einem Izakaya und einem formalen Restaurant zwittert, sieht man ihm gerne nach. Man kann entweder an der Bar sitzen und direkt am Koch essen oder sich ganz entspannt in eines der baulich clever abgetrennten Séparées setzen und dort genau das richtige Maß an Gemütlichkeit und Privatsphäre genießen. Die Auswahl wechselte zwischen meinen Besuchen deutlich; ob die Karte einfach überarbeitet wurde oder ob tatsächlich fortlaufend saisonal gearbeitet wird, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe beide Male Sushi gegessen und das übrige Essensangebot ignoriert. Das mag ein Fehler gewesen sein, auch das kann ich nicht beurteilen. Sushi allerdings, soviel darf verraten werden, kann das Acacia. Es ist ohne große Anstrengung das beste Sushirestaurant, in dem ich in Deutschland bis jetzt gewesen bin.

Die Atmosphäre ist sehr angenehm, das Essen wirklich gut, der Service war zügig und freundlich (man ruft den Kellner mit einem Knopf auf dem Tisch, eine Einrichtung, die sich unbedingt überall durchsetzen sollte). Für die Kombination bezahlt man dann auch nicht unbedingt wenig. Für den kleinen Snack zwischendurch ist das Acacia sicherlich nichts, auch Pfennigfuchser sollten sich den Besuch zweimal überlegen. Ich finde aber, dass der Aufenthalt seinen Preis jedes mal wert war. Ich werde fraglos wiederkommen – zu gegebenem Anlass.

Wertung:
Essen: 9/10
Service: 9/10
Sauberkeit: 10/10
Preisgestaltung: 7/10
Ambiente: 9,5/10

Gesamtergebnis: 5 von 5 Vanilleeiskugeln mit Senf und Gürkchen


Acacia

Friedrich-Ebert-Platz 2
48153 Münster

Telefon: 0251-527995

Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch 12:00 bis 14:00 und 18:00 bis 22:00 Uhr
Donnerstag bis Samstag: 18:00 bis 22:00 Uhr

Hochland Käse Griller „Klassik“

Posted in Getestet, Studentenfutter on 2. Juni 2015 by bic_mac

Buch Herbert, 3,24: „…kommste vonne Schicht, watt bessres gibbet nich, als: ne Currywurst.“

Und sehet, ich kam von der Schicht. Und glaubet, ich trug diese Worte in meinem Herzen als ich durch den REWE wandelte. Und fraget: Warum zur Hölle hast du dann dieses Lebensmittelersatzstoffimmitat gekauft?!

Man verzeihe mir diese Einleitung mit leichtem Pathos, aber während ich diese Zeilen schreibe überkommt mich eine tiefe Demut und ich stelle mir fortwährend die gleiche Frage. Soweit ich meinen Gedankengang rekonstruieren kann, muss er ungefähr wie folgt gewesen sein: „Och Abendessen wäre nett. Vielleicht lecker Nürnberger Rostbratwürstchen? Oder mal wieder einen gescheiten Ofenkäse? Oh! Was ist das? Käse in Wurstform? Mal ausprobieren.“ Drei Warnsignale auf der Vorderseite der Verpackung ignorierte ich sträflich:

  1. Den Hinweis: „OHNE FLEISCH“
  2. Die Bezeichnung „Klassik“ neben dem Aufdruck „NEU“
  3. Das Deppenleerzeichen in der Produktbezeichnung

Ad unam: Merke: Wenn ein Lebensmittel, welches traditionellerweise aus Tier besteht, mit dem Aufdruck „OHNE FLEISCH“ versehen ist, dann kann etwas nicht stimmen. In diesem Fall: Würste sind in Wurstform, damit sie Würste sind und kein Hackbraten. So einfach. Biomüll in Wurstform hingegen wird nicht zu Wurst, sondern zu getarntem Biomüll.
Ad secundam: Der Widerspruch ist offensichtlich. Es ist ja nicht so, als gäbe es seit 1623 die Zunft der Käsegriller, welche in althergebrachter Weise aus Käse, Sahne, Natriumascorbat, Calciumalginat und anderen natürlichen Zutaten in mühsamer Handarbeit Würste klöppeln und sich in langer Zeit eine „klassische“ Herstellungsmethode entwickelt hätte.
Ad tertiam: Käse Griller?! Seriöslich?

Man kann es sich an diesem Punkt sicher denken: Die Dinger sollten nicht gegessen werden und nur unter ständigem Rühren in den Sondermüll verklappt werden. Dem vom Nachbarn natürlich, das Zeug frisst sich selbst durch emailliertes Blech. Geschmacklich stand ein Laufschuh nach einem Marathon Pate, die Haptik orientiert sich stark an einem lange benutzten Küchenschwamm.
Das nächste mal doch lieber wieder nen echten Fettbolzen.

Unterwegs mit Kymco Zing II und Daelim Daystar Classic

Posted in Getestet, smile and look alive on 4. April 2015 by Herr Grau

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Wenn man ein armer Student ist oder just erst war, sieht man sich selten im Besitz großer Töpfe Gold, die man laut jodelnd Motorzweiradfachverkäufern zwecks Erwerb glänzender neuer Fahrapparate ganz nach Gusto an den Kopf werfen könnte. Für die allermeisten ist das Motorrad nicht primär Mittel zum Zweck Transport, sondern die Antwort auf einen dringenden Ruf nach Freifühlen der alltagsmaledeiten Seele. Oder wie mein Vater sagen würde: Gefährlicher Schwachsinn.

Jetzt sind die Worte Gefahr und Schwachsinn für des Sagenden Mund zwar als Warnung gegen solcherlei Aktivität gedacht, in meinen Ohren entfalten sie jedoch prädikativen Charakter. Große Tasse Spaß, lecker. Ja, nach einer längeren, sehr liebevollen Liason mit einer historischen Zündapp M50 Bergsteiger (Zugelassen: 1967) in meiner Jugend musste jetzt endlich wieder ein Mopped her. Das beherzte Knacken der Sparsau enthüllte hochkantig und für den gedankenlosen Prass gedacht drei Groschen, ein Assortment schöner Laubbaumblätter und eine rostige Fahrradklingel. Positiv gesprochen nahm mir das einen großen Teil der kniffeligen Entscheidungsfindung ab – Hurra!

Eine 125er hat einige Vorteile. Der größte und wichtigste ist: Sie ist günstig. Günstig zu kaufen, zu reparieren und zu versichern, Steuern zahlt man gar keine. Nachteilig sind Saftmangel über das gesamte Drehzahlband und die erdbebenfeste Verachtung jener ganz besonders talentierten Spezies, die glaubt, die Güte eines Motorradfahrers machte sich am Hubraum und nicht an Fahrfähigkeit und Lebenseinstellung fest. Diese Clevernis wollen wir nicht mal mit einer Skalierung der Magnitude meiner aktiven Indifferenz gratifizieren: Die können mich mal lecken wo ich schön bin, ich will Mopped fahren.

Meine Vorstellung von gutem Motorradfahren ist, irgendwo zwischen 80 und 100 eine ausreichend kurvige Landstraße runterzukacheln, rechts und links blühende Felder, die Sonne im Gesicht und das Wildleben in den Zähnen. Ich kann auf Leistung größtenteils gut verzichten – auf passende Bequemlichkeit des Untersatzes aber umso weniger. Dass ich mit meiner rapide auf die erste Midlife Crisis zulaufenden Figur wie Einstellung auf einer 125er Crossmaschine nicht nur milde fehl am Platze wäre, darüber brauchen wir nicht viele Worte verlieren. Der Anforderungskatalog lässt wenig Platz für Fantasie: Ein Cruiser musste her.

Es gibt einige Möglichkeiten, diese Idee zu realisieren. Eine 125er Virago, Intruder oder Shadow wäre beispielsweise möglich, alle drei sind aber erstens recht teuer, da Markenware, und zweitens mit zwei 67ml-Töpfen noch alberner als ein 125er Cruiser sowieso schon ist. Nene, luftgekühlter Einzylinder, alles andere ist Firlefanz. Außerdem immer das Budget oder eben die ernüchtende Abwesenheit desselben im Auge behalten. Der Fokus wird klarer: Es wird wohl eine koreanische Maschine. Hyosung, Kymco und Daelim stehen alle in dem Ruf, grundsolide Brot-und-Butter-Motorräder zu bauen, die günstig zu kaufen und danach nur schwer wieder kaputt zu kriegen sind. Um etwa 3000€ neu und ab 1000€ gebraucht bekommt man alles was man braucht plus eine Menge verchromtes Plastik, auf das ich persönlich gut hätte verzichten können, aber wer will schon mosern.

In meinen Augen sieht die Daelim Daystar sehr ordentlich aus. Es gibt recht viele davon, sodass es kein Problem war, eine besonders katastrophale Baustelle ausfindig zu machen, in die ich dann nach dem posttransaktionalen zweiten Blick mehr Perlen und Geschmeide versenken musste, als jeder vernunftsbegabter Mensch je bereit gewesen wäre. Im Kopf eines guten Freundes spielte sich der genau gleiche Denkprozess ab, nur fanden die an besagtem Kopf montierten Augen die Kymco Zing II gefälliger und er entschied sich für die Neuvariante, wodurch er auf die ganzen wertvollen Erfahrungen verzichten musste, die meinen Charakter derweil stärkten. Ich hatte ausführlich Gelegenheit, beide Maschinen zu bewegen und will mich an einem vergleichenden Bericht der beiden Gehhilfen versuchen.

kymcoTief eingesessen stellt man auf der Daystar erstmal fest, dass das Leben schön ist. Man sitzt äußerst bequem, das Mopped hat einen unwahrscheinlich tiefen Schwerpunkt, was augenblicklich Sicherheit vermittelt. Tatsächlich lässt die Maschine sich mit einer Gutmütigkeit in die Kurven drücken, dass es ein rechtes Fest ist. Die Stiefel nehmen auf Trittbrettern Platz, wo linksseitig vermittels Chopperschaltung in den Gängen gerührt wird. Ich halte das für einen klaren Pluspunkt, Chopperschaltungen sind schlichtweg viel bequemer und entspannter zu bedienen als die klassische Lösung, die einem obenrum das Tretleder ruiniert. Allerdings ist das Bremspedal rechts für meinen Geschmack zu nah, sodass man unergonomisch erst den Fuß darüber heben muss, sollte man sich in der unvorstellbaren Situation befinden, die Bremse mal benutzen zu wollen. Einen weiteren Punkt Abzug gibt es für den manuellen Benzinhahn – das hätte wirklich nicht Not getan. Der Motor dreht willig hoch – ist der Vergaser gut eingestellt und Aeolus einem hold, läuft sie durchaus über 100. Wobei dem Tacho nur so weit zu trauen ist, wie man einen Kühlschrank werfen kann. Wenn man hinter sich einen Sozius in Form einer gut gebauten Frau platziert, stellt man mit Erstaunen fest, dass die Kraft weiter reicht als gedacht, denn das Brett macht immer noch erstaunlich Meter. Apropos Sozius.

Wo dieser zumindest bei vertretbarer Figur auf der Daystar eine recht würdige Existenz genießt, gerät das Geschäft des Beifahrens auf der Kymco zu einer Übung in Sachen Demut. Nicht nur ist nämlich das Kissen sehr kurz und dezent nach hinten abschüssig, sodass der Körper einem ständigen Trend talwärts unterliegt, nein, die Fußrasten sind so lächerlich hoch angebracht, dass die achtjährige Tochter meines Kumpels genau perfekt darauf passt. Sollte man aber die Impertinenz besitzen, größer als 1,40m zu sein, hat man alsbald seine Knie unterm Kinn hängen, während man sich panisch an den Fahrer klammert, um nicht spontan nach hinten abzugehen und gleichzeitig versucht, die Schmerzen der völlig verdrehten Hüftgelenke wegzuhassen. Das, liebe Kymco-Ingenieure, kann man so echt nicht machen. Auf dem von Gott vorgesehenen Platz an Gas und Lenkung aber ist die Zing auch durchaus bequem, wobei man mit normalen Fußrasten und Schaltung vorlieb nehmen muss. Der Schwerpunkt des Hobels ist merklich höher, weshalb sie sich zwar agiler, aber auch etwas hibbeliger fährt. Bleibt aber völlig im Rahmen, auch die Kymco lässt sich da platzieren, wo man sie haben will. Der Motor der Maschine macht Anfangs mehr Dampf als das Konkurrenzaggregat, hat aber bei höheren Geschwindigkeiten und Zuladungen fühlbar weniger Druck, was sich gerade bei Steigungen als deutlich weniger Höchstgeschwindigkeit Gehör verschafft. Die Daelim zieht mich ohne Mucken die Berge hoch, die Kymco kämpft, während sich hinter einem die Autos sammeln. Dafür klingt die Kymco besser, zumindest untenrum – bei höheren Drehzahlen klingen beide Maschinen unüberhörbar nach Rasenmäher. Liegt fraglos in der Natur der Sache, dem kann auch der cleverste Ingenieur nicht beikommen.

Die Kymco wird immer noch mit Vergaser gebaut, die Daystar hat seit einigen Jahren Einspritzung. Ich habe eine alte Maschine mit Vergaser gekauft, weil Reparaturen daran deutlich günstiger sind. Ist das Steuergerät einmal kaputt, muss man es austauschen, und das kommt auf über 400€ aus, weiterhin gibt es keinen Kickstarter für den unglücklichen Fall einer toten Batterie mehr – ich war in der Situation schon mal und war ewig dankbar für den Kicker. Dafür gibt es mit Einspritzung weder Kaltstartmucken noch die nagende Frage, ob der Vergaser richtig eingestellt ist und das Mopped nicht eigentlich noch besser laufen könnte. Was man da bevorzugt, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Zusammenfassend fühlen sich beide Räder erstaunlich wertig an, sind bequem und machen den Job des Cruisers insgesamt absolut zufriedenstellend. Beide machen glücklich. Auf Grund des kräftigeren Motors, der Chopperschaltung und der Soziustauglichkeit würde ich mich aber wieder für die Daystar entscheiden – auch, weil sie in meinen Augen immer noch besser aussieht.